Sport : Taub, aber glücklich

Robert Ide

Fiep. Fiiep, Fiiiep. Die Straßenbahn hat angehalten, die Türen öffnen sich. In solchen Momenten fiept es immer in Athen, lauter und greller als jeder Handyton. Fiep, fiepp, fippfippfipp. Wenn das Signal schneller und noch greller wird, schließen sich die Türen wieder. Es ist Nachmittag, die Bahn ist überfüllt, die Türen sind kaum noch einen Spalt offen, da springt ein junger Mann hinein. Fiiiiiiiiiieeeep. Jetzt geht die Tür nicht mehr zu. Der Straßenbahnfahrer steigt aus seinem Fahrerhaus, drängelt sich zu dem Mann durch. Der zuckt mit den Schultern; er scheint das erste Mal mit der Straßenbahn unterwegs zu sein. Der Fahrgast und der Fahrer schreien sich an. Kurzzeitig steht es schlecht um den olympischen Frieden.

Die Straßenbahn fährt erst seit drei Wochen durch Athen, und die Stadt ist noch dabei, sich an ihr neues Verkehrsmittel zu gewöhnen. Hinter dem Fahrerhaus stehen oft kleine Mädchen und schauen dem Fahrer bei der Arbeit zu. Auch die Autos sind es nicht gewöhnt, wenn sich plötzlich eine blaue stählerne Schlange auf die Kreuzung schleicht. Wenn die Straßenbahn gerade einmal nicht fiept, weil sie an einer Haltestelle feststeckt, dann steckt sie meist auf einer Straße fest und bimmelt.

Der Fahrgast und der Fahrer sind immer noch wütend. Sie schreien weiter aufeinander ein – und die Tür macht weiter Fiiiiiiiiiieeeep. Da brüllt ein kleines Kind in den Lärm hinein. Es versucht, den Türton nachzumachen. Miiiiiiiiiiiieeppp. Da lachen alle. Irgendwann, nach vielen Haltestellen und vielen Warn-, Bimmel- und Klingeltönen kommt die Bahn an ihrem Ziel an. Die Fahrgäste quetschen sich aus den Türen. Sie sind taub. Aber glücklich. Der olympische Frieden bleibt gewahrt.

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