Sport : Taumeln und trainieren

Michael Rosentritt

Was macht uns Deutsche für das Abschneiden der Mannschaft von Jürgen Klinsmann zuversichtlicher: dass Bundeskanzlerin Merkel ausrichten ließ, dass sie den Sieg über Polen als „verdient“ empfand, oder doch, dass Oliver Kahn anlässlich seines 37. Geburtstages freudig eine Torte im Kreise der aktiven Nationalspieler verspeiste?

Vielleicht beides. Vielleicht auch beides nicht. Es ist schön, wenn die wichtigste Repräsentantin des Landes Anteil nimmt am Tun der momentan wohl wichtigsten nationalen Arbeitsgruppe. Und es ist fast genauso schön, dass aus dem einst heiligen Hüter deutscher Verbissenheit doch noch ein gesellschaftskompatibler Bürger werden wird.

Während die Regierungschefin in ihrer Hauptrolle gestern Italiens Ministerpräsidenten Prodi zu einem WM-Spiel eingeladen hat, könnte sich Kahn in seiner neuen Nebenrolle tatsächlich nützlich machen. Er könnte in seiner unerreichten Art der jungen Mannschaft seine Weiter-weiter-immer-weiter-Mentalität eintrichtern. Noch ist nichts erreicht, bis auf das Achtelfinale. Die Mannschaft kann sich freuen, sie kann ein wenig stolz sein, aber sie sollte sich nicht berauschen lassen vom allgemeinen Rausch außerhalb des Rasens. Vielleicht heißt der Gegner im Achtelfinale England, vielleicht heißt er Schweden, vielleicht Paraguay. Egal, es wird einen Gegner geben. Und es wird ein Gegner werden, der der deutschen Mannschaft sehr viel mehr abverlangen wird, als es bisher die Costa-Ricaner und Polen taten. Die Fans dürfen weiter trällern, träumen und taumeln. Die Mannschaft muss trainieren. Ganz gleich, ob sie das nun verdient hat oder nicht. Nur so erhält sie sich die Chance noch einmal richtig zu feiern, mit Merkel und mit Kahn.

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