Sport : Tausendmal berührt

Sven Goldmann

Da ist diese Fernsehaufnahme, eine Sequenz von vielleicht zwanzig Sekunden. Die Bilder zeigen einen Mann, der ein Konferenzzimmer verlässt und von Blitzlichtern empfangen wird. Der Mann lacht, es ist ein befreiendes, ein triumphierendes Lachen. Er ballt die Fäuste, winkelt sie an bis zum Brustkorb und lässt sie wieder fallen, so ähnlich, wie Boris Becker das früher auf dem Tennisplatz gemacht hat. Der Mann, Dieter Hoeneß, hat gerade den schwersten Kampf seiner noch kurzen Zeit als Manager bei Hertha BSC gewonnen. Das war vor vier Jahren, am 23. Oktober 1997.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Hoeneß hatte geredet, viel geredet, und nach zwei Stunden den Aufsichtsrat des Bundesliga-Letzten davon überzeugt, es noch einmal mit Jürgen Röber zu versuchen. Der Trainer bekam eine Gnadenfrist von einem Spiel. Hertha gewann dieses Spiel gegen den Karlsruher SC, Röber führte die Mannschaft zum Klassenerhalt und anschließend bis in die Champions League. Heute zählt Hertha BSC zum Establishment. Als Erinnerung an die Krise vom Oktober 1997 sind die Fernsehbilder vom jubelnden Dieter Hoeneß geblieben und mit ihnen der Eindruck von einer ewigen Freundschaft mit Jürgen Röber.

Der Eindruck ist falsch.

Freunde sind Röber und Hoeneß nie gewesen. Ihre privaten Kontakte beschränken sich auf ein, zwei Runden Golf im Jahr. Und doch arbeiten sie jetzt schon mit einer kurzen Unterbrechung seit 1993 zusammen. Erst in Stuttgart, dann in Berlin, vor zwanzig Jahren haben sie sogar einmal zusammen beim FC Bayern München gespielt.

Es ist eine Symbiose zweier völlig unterschiedlicher Typen. Auf der einen Seite der Stratege, der Intellektuelle Hoeneß. Er hat Sport und Geographie studiert und als Jugendlicher mit der Apo sympathisiert. Auf der anderen Seite der eher handwerklich orientierte Röber, gelernter Chemiefachwerker, getrieben vom ständigen Drang nach sportlicher Perfektion. Der es nicht schafft, auch nur einen Tag nicht an Fußball zu denken. Röber kommt aus bescheidenen Verhältnissen und weiß, wo er hin will. Deshalb hat er Rhetorikkurse besucht, deshalb trägt er seit zwei Jahren auch am Spielfeldrand dunkle Anzüge. Angemessene Außendarstellung gehört zu den gestiegenen Anforderungen des Jobs und dient doch nie dem Selbstzweck. Anders als Otto Rehhagel hat Jürgen Röber noch in keiner Talkshow über Rilke parliert.

Kennen gelernt haben sich Jürgen Röber und Dieter Hoeneß als Profis beim FC Bayern. Wenn denn jemals private Bande zwischen Röber und Hoeneß bestanden, dann in dieser Saison 1981/82. Der Kontakt brach ab, als Röber nach Kanada zu den Calgary Boomers wechselte, "in diese Operettenliga", wie Hoeneß heute noch abschätzig sagt.

Ausgerechnet Hoeneß, der zwar Nationalspieler war, aber alles andere als ein Bewegungstalent. Wenn er heute bei einem Benefizspiel mitkickt, braucht es schon einige Fantasie, um sich vorzustellen, dass dieser Mann 1986 im WM-Finale von Mexiko stand. Röber spielt noch heute im Training mit, bei Kopfballübungen schlägt er die Flanken. Kein Stürmer hat sich je beschwert.

Die Zweckgemeinschaft Hoeneß/Röber hat nicht nur gute Zeiten erlebt. In Stuttgart war 1995 vorzeitig Schluss. Der Sportdirektor Hoeneß hatte den Trainer Röber im Dezember 1993 als Nachfolger des entlassenen Christoph Daum geholt. Der Vorstand wollte lieber den holländischen Weltmann Guus Hiddink, doch Hoeneß mochte nach dem extrovertierten Daum nicht gleich die nächste schillernde Figur haben. Röber kam vom Zweitligisten Rot-Weiß Essen, und die Mannschaft nahm ihn zunächst nicht ernst. Als Guido Buchwald sich über Röbers Auftritt bei einer Mannschaftssitzung lustig machte, herrschte der den Kapitän an: "Hast du so etwas nötig? Du als Nationalspieler?" Heute bekommt Röber von Buchwald Glückwunschkarten zum Geburtstag.

Eineinhalb Jahre haben Röber und Hoeneß gemeinsam in Stuttgart gearbeitet. Es war eine Zeit des Umbruchs. Giovane Elber und Fredi Bobic kamen damals zum VfB. Krassimir Balakow, später der dritte Schenkel des magischen Dreiecks, hatte für die kommende Saison schon seine Zusage gegeben, da war alles vorbei, zerbrochen am gestörten Verhältnis zwischen Hoeneß und Gerhard Mayer-Vorfelder. Der selbstherrliche Vereinspräsident nutzte die erstbeste Krise, sich vom ungeliebten Manager zu trennen. Röber wurde gleich mit entlassen. Unfreiwillige Solidarität, aber auch die verbindet.

Röber weiß, was er an Hoeneß hat. Unbedingte Loyalität. Auch in schlechten Zeiten, und die gab es immer wieder, seitdem Hoeneß vor vier Jahren von Herthas Vermarktungspartner Ufa nach Berlin geholt wurde. Der Öffentlichkeit hat er noch immer den Eindruck vermittelt, er würde eher die halbe Mannschaft auf die Tribüne setzen als den Trainer zu entlassen. Es ist die Besessenheit, die Hoeneß an seinem Trainer so schätzt, "der Jürgen würde auch am letzten Spieltag noch hundertprozentig zum Verein stehen, wenn er wüsste, dass in der nächsten Saison ein anderer Trainer kommt".

Doch Loyalität ist nicht gleich Freundschaft. Hoeneß sagt von sich, dass er nichts so sehr hasst wie Vetternwirtschaft. Im Herbst 1997 hat er nicht deshalb so hart für Röber gekämpft, weil es um den Job eines alten Kumpels ging. "Er war in dieser Situation einfach der beste Mann für Hertha." Sollte diese Einschätzung einmal anders ausfallen, wird derselbe Hoeneß ebenso vehement für eine Trennung eintreten. Trotz aller Erfolge, die Hertha BSC unter dem Trainer Jürgen Röber gefeiert hat.

Wo Erfolg ist, drängen sich Väter auf. Bei aller Verschiedenheit eint Hoeneß und Röber ein gewisses Maß an Eitelkeit, der Anspruch auf die Urheberschaft des Berliner Aufschwungs. Unter vier Augen kracht es schon mal, und wenn etwas davon nach außen dringt, geht es um Personalien. Da war, schon im ersten Bundesligajahr, der Fall Alphonse Tchami. Den kamerunischen Nationalspieler hat Hoeneß für 2,2 Millionen Mark gekauft, Röber konnte sich den neuen Mann nur auf einem Videoband anschauen. Tchami war das, was man einen Fehleinkauf nennen darf. Zwei Jahre lang schleppte Hertha den schwerfälligen Stürmer durch, dann zog dieser weiter nach Dubai. Ablösefrei.

Röber ist loyal, er akzeptiert die Befehlsstrukturen bei Hertha. Aber ein bloßer Befehlsempfänger ist er nicht. Nicht allen personellen Wünschen seines Managers mag er sich fügen. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der erkennt die Reibungspunkte. Röber ärgert sich, wenn Hoeneß sagt, er wolle künftig näher an die Mannschaft rücken. Will der ihn kontrollieren? Und diese Idee mit dem Funktionsteam, mit Trainern für den Angriff und die Abwehr - mit wem ist das abgesprochen? Dazu müht sich Röber seit zwei Jahren eher widerwillig mit dem Brasilianer Alex Alves, den Hoeneß als teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte verpflichtet hat.

Auf der anderen Seite weiß der Trainer, was er an den Kontakten und am Verhandlungsgeschick des Managers hat. Zum Beispiel, dass mit Sebastian Deisler der begabteste deutsche Fußballer der Gegenwart seit 1999 für Hertha kickt. Für Deisler endet nach dieser Saison eine Epoche. Er wird Berlin im kommenden Sommer Richtung München verlassen, und es spricht manches dafür, dass sich dann auch die Wege von Jürgen Röber und Dieter Hoeneß trennen werden. Hoeneß hat sich bei der Umwandlung des Klubs in eine Kommanditgesellschaft unentbehrlich gemacht und gerade einen Vertrag bis 2006 unterzeichnet. Röbers Vertrag läuft nach dieser Saison aus. Und die Zeit eines Trainers mit seinem täglichen Kontakt zur Mannschaft, der ständigen Herausforderung zur Motivation, diese Zeit ist endlich.

Doch der Jürgen Röber, der Berlin einmal verlassen wird, ist ein anderer als der vor sechs Jahren angetretene. Er kennt seinen Marktwert, nach einer möglichen Trennung von Hertha wird er nicht auf einen Job bei Rot-Weiß Essen angewiesen sein. Röber ist in seiner Berliner Zeit für die großen Klubs interessant geworden. Vor eineinhalb Jahren hat er sich den Luxus geleistet, ein Angebot von Borussia Dortmund auszuschlagen. Das nächste in dieser Kategorie wird er wohl annehmen. Die Symbiose, von der zwei völlig unterschiedliche Typen profitiert haben, nähert sich ihrem Ende.

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