Sport : Taxifahrer

Pekings Chauffeure sollen Schlips tragen während der Spiele und nicht mehr in ihren Autos schlafen. Aus dem Fenster spucken sie aber schon noch

Benedikt Voigt

Das Ziel Nationalstadion jagt dem Pekinger Taxifahrer einen kleinen Schreck ein. Moment, sagt er, greift ins Handschuhfach und holt eine Krawatte heraus. Diese gehört neben einem gelben Hemd und einer schwarzer Hose zur offiziellen Taxifahrer-Uniform während der Olympischen Spiele. Erst nachdem sich der Taxifahrer die Krawatte umgebunden hat, wagt er es, in den Norden der chinesischen Hauptstadt zum olympischen Gelände zu fahren. „Es ist zu heiß in Peking“, entschuldigt er sein unvollständiges Outfit.

Während der Olympischen Spiele sollen Pekings Taxifahrer eine ordentliche Erscheinung abgeben, sie prägen das Bild der Stadt. 67 000 Taxis gibt es in Peking, die zahlreichen illegalen Fahrer nicht mitgerechnet. Zum Vergleich: In New York fahren lediglich 12 000 Yellow Cabs. Der öffentliche Nahverkehr ist in Peking nicht so gut entwickelt, wie es in einer Stadt mit 17 Millionen Einwohnern sein müsste. Busse und U-Bahnen sind oft hoffnungslos überfüllt.

Trotz der Eröffnung von drei neuen U-Bahnstrecken anlässlich der Olympischen Spiele fahren in der Stadt insgesamt nur acht U-Bahnlinien. Die 130 000 Taxifahrer der Stadt nutzen diese Versorgungslücke. Für 90 Cent fährt das Taxi drei Kilometer weit, kein Wunder, dass es viele Pekinger auch für kurze Strecken nutzen. Bei Regen oder auch nach der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele am vergangenen Freitag sind es immer noch zu wenige Taxis.

Pekings Taxifahrer sind meist fröhliche, aufgeschlossene Menschen. Manche spucken oder rotzen allerdings aus den offenen Autofenstern. Einige kommen aus entfernten Provinzen und wohnten bis vor kurzem auch in ihren Autos. Was die Fahrgäste am nächsten Morgen auch riechen konnten. Seit 2007 gilt ein neues Gesetz, wonach den Taxifahrern das Übernachten, Essen oder Rauchen im Auto verboten ist.

Viele Taxifahrer lassen ihren kleinen Fingernagel ungewöhnlich lang wachsen. Das gilt als Statussymbol, weil es zeigt, dass sein Träger nicht als Bauer auf dem Feld arbeiten muss. Diese alte chinesische Tradition war unter Mao als zu bürgerlich verpönt, inzwischen aber lassen Kleinunternehmer wie Taxifahrer und Ladenbesitzer den Nagel wieder sprießen.

Nur mit dem Englisch hapert es weiter, sehr zum Leidwesen vieler Peking-Touristen. Selbst wer zu so bekannten Touristendestinationen wie „Forbidden City“ oder „Great Wall“ gefahren werden will, erntet meistens nur einen verständnislosen Blick. Wer nicht Chinesisch spricht, sollte deshalb stets eine Karte mitnehmen, auf der sein Ziel in chinesischen Schriftzeichen vermerkt ist.

Für die Olympischen Spiele hat die Stadt ihren Taxifahrern einen Englischkurs verordnet. Ohne Erfolg. „Ich muss arbeiten und Geld verdienen“, sagt ein Fahrer. Er könne es sich nicht leisten, in seiner Arbeitszeit zweimal pro Monat den Englischunterricht zu besuchen. In mindestens einem Englischkurs für Taxifahrer war der Lehrer einfach ein Kollege – mit ebenfalls dürftigen Englischkenntnissen. Das über 100-seitige olympische Handbuch für Taxifahrer – in dem auch der Hinweis steht, im Dunkeln das Licht anzumachen – ist auch nicht unbedingt für Anfänger geeignet: „Excuse me, I have travel sickness, can you give me some paper“, ist dort zu lernen. Wahrscheinlich aber hat jener chinesische Chauffeur recht, der sagte: „Wenn ich Englisch könnte, wäre ich kein Taxifahrer.“

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