Sport : TBV Deutschland

Lemgo dominiert mit einheimischen Spielern die Handball-Bundesliga

Erik Eggers

Lemgo. Vielleicht beschreibt es am besten eine Badewanne. So wie darin das Wasser, einmal in Bewegung gekommen, von einem Ende zum anderen schwappt, so wird auch das morgige Spitzenspiel in der Handball-Bundesliga zwischen dem TBV Lemgo und der SG Flensburg (20.15 Uhr, live im DSF) hin und her schaukeln. Doch die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der diese Bewegung geschieht, ist neu; sie hat den ganzen Charakter dieser Sportart verändert.

Verantwortlich für diese Revolution ist der TBV Lemgo. Jene exzellent eingespielte Mannschaft aus dem Ostwestfälischen, die alle – da deren Feldspieler Schwarzer, Stephan, Zerbe, Baur und Kehrmann das Gerüst der von Heiner Brand geführten Nationalmannschaft bilden – nur den „TBV Deutschland“ nennen. Atemberaubende 35 Tore wirft diese Mannschaft im Schnitt, mit bisher 30:0 Punkten hat sie in der Bundesliga einen Startrekord aufgestellt. Lediglich eine Niederlage hat sie in dieser Saison erlitten, letzte Woche im Pokal, beim 30:32 gegen den bisherigen Branchenprimus THW Kiel.

Wie aber kann ein Team derart dominieren? Lemgos junger Trainer Volker Mudrow setzt seit Saisonbeginn auf ein hartes Tempospiel, dessen Kern die so genannte „schnelle Mitte“ ist. Damit ist der schnellstmögliche Wiederanwurf nach einem Gegentor gemeint. Seit 1996 ist diese taktische Variante erlaubt, doch erst Lemgo hat sie zur Perfektion getrieben. Zuständig bei den Ostwestfalen für den schnellen Anwurf ist der bullige Kreisläufer Christian Schwarzer.

Deutet sich auch nur ein Wurf auf das eigene Tor an, erwartet er schon am Anwurfkreis und den Ball vom eigenen Keeper. Dann übergibt er ihn, so sieht es die favorisierte Variante vor, dem heranstürmenden Regisseur Daniel Stephan, der entweder sofort selbst abschließt oder flinke Außenspieler einsetzt. Wird das verhindert, startet Lemgo dennoch die „zweite Welle“, den verzögerten Tempogegenstoß, die jede Verteidigung vor ähnlich große Probleme stellt.

Nun also kommt Verfolger Flensburg, ein in zweifacher Hinsicht spannender Gegner. Zum einen greift dieser selbst auf die „schnelle Mitte“ zurück. Andernfalls, sagt Flensburgs Außenspieler Lars Christiansen, brauche man auch gar nicht erst in Lemgo anzutreten: „Man kann die ja nur mit den eigenen Mitteln schlagen“. So werden beide Mannschaften ohne jeden Tempoverlust auf die gegnerischen Torleute zurauschen.

Interessant ist diese Partie indes auch im Hinblick auf die anstehende Weltmeisterschaft, die am 20. Januar in Portugal beginnt. Denn wenn Lemgo als „TBV Deutschland“ gilt, dann kann man die Gäste ebenso gut als „SG Dänemark“ bezeichnen: Christiansen oder Boldsen sind Schlüsselspieler beim WM-Geheimtipp aus Skandinavien.

Weil der TBV so stark aufspielt, prophezeien viele der deutschen Mannschaft ein phantastisches Weltturnier. „Die Deutschen“, sagt etwa Christiansen, „sind der größte Favorit“. Der französische Nationalspieler Francois-Xavier Houlet vom VfL Gummersbach hofft nur, „dass die Deutschen diesen Tempohandball nicht durchspielen können“, ansonsten sei der WM-Titel fast schon vergeben.

Das gilt aber nur für den Fall, dass die Schlüsselspieler der „schnellen Mitte“ wie Stephan oder Schwarzer verletzungsfrei bleiben. Denn sonst würde es in der Badewanne wohl wesentlich ruhiger werden.

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