Sport : Team Jan

Dem einstigen Staatskonzern Telekom hat sein Sponsoring im Radsport viel gebracht – aber nur mit Star Ullrich

Mathias Klappenbach

Berlin - Am Anfang konnte niemand ahnen, wie groß der Erfolg wird. Im Rückblick erscheint er plötzlich klein. Vielleicht ist diese permanente Unverhältnismäßigkeit das eigentliche Problem des Radteams T-Mobile. In der kommenden Woche könnte der Konzern das Team schließen, das Aufstieg und Fall einer Sportart in Deutschland symbolisiert.

Ein bisschen Engagement will der Staatskonzern Telekom zeigen, als er 1991 in Stuttgart in das Radteam Stuttgart einsteigt, das von nun an Team Telekom heißt. Die Mannschaft ist wenig erfolgreich, und schon bald droht wieder das Aus. Es gehört von Beginn an zur Geschichte dieser Mannschaft, dass sie immer wieder um ihre Existenz bangen muss. 1994 gibt es ernsthafte Überlegungen, das Sponsoring im Radsport wieder einzustellen, doch Olaf Ludwig und der junge Erik Zabel retten mit zwei Siegen das Team. Im folgenden Jahr bekommt es sogar sechs Millionen Mark, wird wegen schlechter Ergebnisse aber zunächst nicht zur Tour de France zugelassen. Nach langem Hin und Her darf eine halbe Mannschaft starten, und erneut bringen wohl die zwei Etappensiege von Zabel die Telekom dazu, weiter Geld in die Mannschaft zu stecken. Die Verträge werden aber immer nur um ein Jahr verlängert.

Das Image von Europas größtem Kommunikationsunternehmen ist nicht das beste, und im riesigen und aufwändigen Neubau in Bonn wird gewitzelt, dass die Radsportmannschaft der letzte Sympathieträger des Unternehmens sei, das aus der Bundespost hervorgegangen ist. Die Erkenntnis muss sich beim Publikum noch durchsetzen, im Trainingslager auf Mallorca Anfang 1996 sagt eine ältere Dame zum Profi Kai Hundertmarck: „Ihr seid also die, die das Telefonieren so teuer machen!“

Im Jahr darauf kommt der erste große Erfolg. Der Däne Bjarne Riis gewinnt die Tour de France, sensationell vor dem jungen Deutschen Jan Ullrich. Erst zehn Jahre später wird sich herausstellen, dass Riis dabei so vollgepumpt mit dem Blutdopingmittel Epo war, dass er kaum noch laufen konnte, wenn er vom Rad stieg. Sieben Millionen Mark kostet dieses Team, das wieder einmal auf der Kippe stand und erst nach dem Tour-Sieg eine Vertragsverlängerung erhält. „Sponsoring ist kein Mäzenatentum, sondern verlangt einen ,return on investment‘“, sagt Telekom-Kommunikationschef Jürgen Kindervater. Im Jahr darauf kostet die Mannschaft schon zehn Millionen, und genauso rasant, wie der Aktienkurs der Telekom nach dem Börsengang steigt, steigt auch das Interesse am Radsport. Oder, genauer gesagt, an Jan Ullrich und der Tour de France. Die Fahrradhändler verkaufen statt gebrauchter Hollandräder mehr teure Fahrräder mit komplizierten Schaltungen, der Boom ist aber explizit ein Ullrich-Boom und damit auch ein Telekom-Boom. Der junge Sportheld löst Manfred Krug als großen Werbeträger der Telekom ab, denn 1997 gewinnt er als erster Deutscher überhaupt die Tour. Die Sportnation ist in einem ähnlichen Freudentaumel wie im Jahr zuvor, als die Fußballer Europameister wurden. 20 000 Fans empfangen das Siegerteam in Bonn, die Farbe Magenta ist in Deutschland präsenter als lila Schokolade, und Ullrich ist einer Umfrage zufolge netter als Steffi Graf und historisch bedeutsamer als Max Schmeling.

Der Bekanntheitsgrad der Telekom liegt bei 98 Prozent, die TV-Reichweite bei 980 Millionen Zuschauern, das T-Logo ist 4041 Minuten im Fernsehen präsent. Die Telekom beziffert den „PR-Wert“ auf 80 Millionen Mark. Jürgen Kindervater betont, dass der „Kerngedanke unseres Engagements immer das Prinzip Leistung und Gegenleistung“ ist, spricht von einem „Erfolgsjahr, wie es keiner für möglich gehalten hat“.

Der Vertrag wird nun gleich um drei Jahre verlängert, Geschäftsgrundlage ist der mögliche zweite Toursieg Jan Ullrichs. Von nun an verfolgen die Fans jedes Frühjahr gebannt, ob er sein Übergewicht aus dem Winter rechtzeitig zur Tour loswird. Nicht allen gefällt das, Erik Zabel, der das ganze Jahr über Rennen gewinnt und später sechs Mal bester Sprinter der Tour wird, kritisiert, dass sich alles auf Ullrich fokussiert, den er statt zum Radsportler des Jahres nur zum Radsportler des Juli wählen würde. Doch das interessiert kaum einen, und ab 1999 bringen auch Ullrichs zweite Plätze Jahr für Jahr große Aufmerksamkeit, obwohl die sommersprossige Pausbacke das groß inszenierte allsommerliche Duell gegen den gnadenlosen Texaner Lance Armstrong nicht gewinnen kann.

Beim bislang größten Dopingskandal 1998 um das Team Festina wird nur das Fernsehen für seine verharmlosende Berichterstattung kritisiert, das Team Telekom aber hat keine negativen Schlagzeilen. Die hätten sich sicher anders ausgewirkt als die für den Uhrenhersteller Festina, der mit neuer Bekanntheit seinen Umsatz in Deutschland verdreifacht. Die Telekom schreibt in ganzseitigen Anzeigen: „Saubere Leistung. Danke.“ Dopinggerüchte um das Team bleiben auch 1999 Gerüchte, laut Kindervater ist das Team „fast schon ein Markenname geworden. Es steht einem Dienstleister gut an, sich mit dem Teamgedanken zu schmücken. Wir verspüren das in unserem Unternehmen auch deutlich nach innen zu unseren Mitarbeitern hin“.

Doch Nachhaltigkeit nach außen will sich nicht einstellen. 2001 wird das „Jan-Ullrich-Nachwuchsteam“ wieder aufgelöst. Die T-Aktie ist im Keller, und beim Sponsoring ist klarer denn je, dass alles nur mit Ullrich selbst funktioniert. Besonders deutlich wird dies 2002, als Ullrich verletzt ist, dann alkoholisiert am Steuer sitzt und schließlich positiv auf Amphetamine getestet wird. Ullrich muss gehen, und der Sponsor überlegt wieder einmal, ob die inzwischen neun Millionen Euro jährlich noch den gewünschten „return on investment“ bringen.

Das Team holt internationale Radstars als Ersatz, die Show bei der Tour 2003 gehört aber wieder Ullrich, der bei seinem Comeback Zweiter für das Team Bianchi wird. Die logische Folge: Ullrich wird zurückgeholt. Zu seinen Bedingungen – mit eigener Physiotherapeutin, seinem Bruder als eigenem Mechaniker, befreundeten Fahrern und seinem eigentlich unerwünschten persönlichen Betreuer Rudy Pevenage. In den Jahren davor hatte es für den Unbeständigen eine Rundumbetreuung gegeben, nun übt er selbst große Macht im Team aus. Zum Leidwesen von – so heißt das Team inzwischen – T-Mobile-Teamchef Godefroot, der Ullrich nach dem vierten Platz 2004 mangelnde Einstellung und Versagen vorwirft. Doch Ullrich ist weiter Kapitän. „Ich habe keine andere Wahl, ich muss wirtschaftlich denken“, sagt Godefroot. Ullrichs vierter Platz interessiert die Öffentlichkeit mehr als der zweite seines Teamkollegen Andreas Klöden.

Der wird auch 2006 Zweiter, aber das zählt bei der Skandaltour erst recht nichts. Ullrich wird vor dem Start suspendiert, entlassen und beendet seine Karriere. Trotz erdrückender Indizien hat er bis heute Doping nicht zugegeben. Das machen dafür sieben andere ehemalige Fahrer, unter ihnen Zabel und Rolf Aldag, der inzwischen Sportdirektor des Teams ist und den sauberen Neuanfang mit einem ambitionierten Anti-Doping-Programm organisieren soll. T-Mobile versucht sich als der Gute unter den Bösen zu positionieren und verlängert in der Krise gleich bis 2010. Wo beim „Imagetransfer“ früher Leistungsbereitschaft und Dynamik transportiert werden sollten, geht es nun öffentlich um Ehrlichkeit und Treue. Doch die Zweifel an diesem Weg wachsen, als der geständige Patrik Sinkewitz offenbart, dass es 2006 noch systematisches Doping im Team gegeben habe. Der ehemalige Kommunikationschef Kindervater rät nun: „Man muss die Reißleine ziehen, sonst nimmt das Unternehmen Schaden – wenn es nicht schon Schaden genommen hat.“

Der größte Schaden ist ohnehin schon passiert. Es war der kundenunfreundliche Fall des Jan Ullrich.

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