Team Telekom : Geständnisse offenbaren Doping-Details

Der Schuss nach dem Massieren habe dazu gehört, Spritzen seien mit der Post gekommen, die Eigenbeteiligung hätte bei 5.000 Mark gelegen - Bert Dietz und Christian Henn lassen Dämme brechen, und der Skandal zieht immer weitere Kreise.

Berlin - Christian Henn, Teamchef bei Gerolsteiner, bestätigte die Ausführungen seines ehemaligen Team-Kollegen Bert Dietz und gestand heute seine Verwicklungen im Doping-Sumpf. Unterdessen zog die immer heftiger kritisierte Uni-Klinik Freiburg seine drei noch tätigen Teamärzte zurück, wie Klinik-Leiter Matthias Brandes bestätigte. Der sportpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion "Bündnis 90/Die Grünen", Winfried Hermann, forderte die Deutsche Telekom auf, die Dopingverstrickungen ihres damaligen Rennstalls Telekom in vollem Umfang aufzuklären. "Die Öffentlichkeit muss wissen, bis zu welcher Ebene man beim ehemaligen Staatsunternehmen etwas konkret angeordnet, gewusst oder stillschweigend geduldet hat", erklärt der Politiker.

Dietz, von 1994 bis 1998 Telekom-Profi, hatte neue konkrete Vorwürfe gegen die bereits freigestellten Teamärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid erhoben. Zum Ende der Saison werde Freiburg nicht mehr zuständig sein für die sportmedizinische Betreuung, bestätigte T-Mobile-Kommunikationschef Christian Frommert. Offensichtlich trat Freiburg von sich aus vorher auf die Bremse und zwingt die Bonner zur hektischen Suche nach einer Alternative zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung der Fahrer. Das Team hat nur noch drei niedergelassene Mediziner, keiner davon ist Angestellter der Uni-Klinik Freiburg.

Die Kollegen schweigen weiter

Obwohl nun ein weiterer Profi das Schweigen brach, sagen die ehemaligen Kollegen bei Telekom, Jan Ullrich, Udo Bölts, Rolf Aldag und Jens Heppner noch immer nichts. Henn unterstrich die Aussagen von Dietz: "Ich kann nur sagen, dass ich EPO benutzt habe, und dass das, was Bert Dietz gesagt hat, zum größten Teil der Wahrheit entspricht", sagte der 1999 wegen Testosteron-Dopings zurückgetretene Ex-Profi der "Frankfurter Rundschau" und dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Henn: "Die Zeit war so. Es ging nur hopp oder top".

Mit Fingern auf andere Fahrer zeigen - das wolle Dietz jedoch nicht. Aber bei seinen Schilderungen ist schwer vorstellbar, dass der "kleine Profi" Dietz der einzige im Team gewesen sein soll, dem das Blut-Doping-Mittel EPO verabreicht worden war. Der jetzige Fahrrad-Händler aus Leipzig, der sich nie für das Bonner Tour-Team qualifizieren konnte, berichtete, dass er seine Drogen-Kuren selbst bezahlen musste: "1995 so um die 5000 Mark." Der damalige Manager Walter Godefroot, jetzt Berater des neuen kasachisch-schweizerischen Astana-Teams mit Andreas Klöden und Alexander Winokurow an der Spitze, hätte den Geldfluss für die Doping-Präparate geregelt.

"Wer noch im System ist, kann sich nicht outen"

Dietz, der für seinen TV-Auftritt auch Lob des ebenfalls Doping-verdächtigten Ex-Telekom-Profis Jörg Jaksche erhielt, verdeutlichte die Zwickmühle, in der sich die Profis drehten: Der Sponsor fordere Erfolg. Ohne Erfolg könne die Zukunft des Teams auf dem Spiel stehen oder der persönliche Vertrag disponibel werden. Der Existenz-Druck besonders als Familienvater sei enorm gewesen, sagte Dietz, der sich als erster namhafter deutscher Profi zu seiner Doping-Vergangenheit umfänglich bekannte. "Er hat klar gemacht, dass wir das schwächste Glied in einer Kette sind. Fahrer werden gekündigt oder suspendiert, während andere sich weiterhin den Hintern im Begleitwagen platt sitzen dürfen", sagte der Ansbacher Jaksche.

"Wer noch im System ist, kann sich nicht outen, ohne direkt seinen Job zu riskieren", sagte Dietz und nannte damit den Hauptgrund für das eiserne Radsport-Gesetz des Schweigens und Wegschauens. Er fordert für den dringend erforderlichen Neuanfang eine Amnestie, mit kompletter Aufarbeitung der Vergangenheit ohne Strafe-Androhung. Der DOSB lehnt die Forderung ab. DOSB-Präsident Bach: "Wir können nicht eine Art Freibrief ausstellen und sagen: Wer sich outet, ist außen vor."

Seit 1995 Leistungs-Explosion im "Team Telekom"

Wenn sie vor Ort waren, hätten die Ärzte EPO, für ihn seit 1995 fast eine Selbstverständlichkeit wie Massage und Training, "selbst gespritzt". Die EPO-Dosen seien zum Teil direkt von der Freiburger Klinik per Post bei Dietz eingetroffen. Heinrich und Schmid hätten den EPO-Gebrauch «angeboten, aber in so einer Form, dass jeder wusste: wenn ich es jetzt nicht nehme, habe ich wahrscheinlich am Jahresende so schlechte Ergebnisse, dass mein Vertrag nicht verlängert wird".

Im Trainingslager 1995 auf Mallorca hätten Heinrich und Schmid zum ersten Mal über das Thema EPO geredet. Im Folgejahr war beim Team Telekom eine Leistungs-Explosion, die in dem Toursieg des Dänen Bjarne Riis gipfelte, zu verzeichnen. 1997 gewann Ullrich, gegen den inzwischen zwei Staatsanwaltschaften ermitteln, als erster Deutscher das schwerste Radrennen der Welt. Peter-Michael Diestel, einer von sechs Ullrich-Anwälten, fühlte sich in seiner Verteidigungs-Strategie durch Dietz bestätigt: "Diese sympathische Aussage hatte viel juristisch entlastenden Gehalt, auch Telekom betreffend." Trotz einer im "Team wohl üblichen Doping-Praxis" hätte Ullrich Manipulation nicht nötig gehabt, "er hatte das Jahrhundert-Talent".

Das Schweigen brechen

Im Nachrichtensender N24 bekräftigte Frommert jetzt, dass ein Ausstieg der Telekom aus dem Radsport-Sponsoring aber nicht in Frage komme. Schon vor einigen Monaten hatte sich der Konzern bis 2010 als Sponsor beim Team fest verpflichtet. "Wir sind seit einem Jahr mit unserem Anti-Doping-Kurs auf einem geraden Weg. Wir haben vor, den weiter zu gehen", sagte Frommert. "Wir sind gerade bei einer Klärung. Es wird von uns im Laufe der Woche - nicht mehr heute - eine klare Geradeaus-Reaktion geben", sagte Teamsprecher Stefan Wagner. Aldag, der zuletzt geleugnet hatte, von der offensichtlich Flächen deckenden Doping-Praxis in den 90er Jahren etwas mitbekommen zu haben, war für den Neuanfang nach dem Ullrich- Eklat zum Teamchef der "neuen" T-Mobile-Mannschaft gemacht worden. Heinrich, dem Dietz wie zuvor der Ex-Betreuer Jef d'Hont aktives Doping vorwarf, wurde an die Spitze der neuen, strengen Anti-Doping-Bewegung im Bonner Team gestellt.

Der Dachverband des deutschen Sports erwartet jetzt vor allem von der Uniklinik Freiburg eine schnelle Aufklärung. "Die Untersuchungen der eingesetzten Kommission müssen innerhalb von zwei Wochen abgeschlossen sein. Die Unterlagen müssen ja vorliegen", sagte DOSB- Generaldirektor Michael Vesper. Dabei muss laut Bach auch deutlich werden, "wer was zu welchem Zeitpunkt gewusst hat. Man darf sich nicht nur auf die Ärzte Schmid und Heinrich konzentrieren. Wir wollen wissen, ob es eine Systematik gab."Wir hoffen sehr, und wir fordern alle Sportlerinnen und Sportler ausdrücklich dazu auf, dass nun noch mehr Radsportler, aber auch Athleten aus anderen Sportarten, diesem Beispiel folgen und reinen Tisch machen. Dies ist eine große Chance für den Sport", sagte DOSB-Präsident Thomas Bach in Frankfurt am Main.

BDR-Präsident Rudolf Scharping kündigte derweil an, die Doping-Kontrollen hinsichtlich ihrer Quantität, aber auch in ihrer Qualität auszubauen. Zugleich verwies er darauf, dass der BDR niemanden für einen Einsatz mit der Nationalmannschaft und für internationale Wettkämpfe nominieren werde, der sich einem schwerwiegenden Verdacht ausgesetzt sieht. Dies gelte für Sportler gleichermaßen wie für Sportliche Leiter, Trainer, Ärzte und Funktionsträger jeder Art. (tso/dpa)

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