Sport : Teamchef Erich Ribbeck will es bei der EM allen Kritikern zeigen

"Ich kehre als Held oder Vaterlandsverräter zurück." Der Ausspruch stammt von Berti Vogts, doch treffender könnte auch dessen Nachfolger Erich Ribbeck seine Situation kaum beschreiben. "Wenn wir in der Vorrunde ausscheiden, weiß ich, was über mich herein bricht", sagte der Teamchef. Sein Kredit in der Öffentlichkeit ist trotz der zuletzt positiven Zeichen nicht mehr allzu hoch. Die Bilanz von neun Siegen, fünf Remis und sechs Niederlagen in 20 Länderspielen ist prozentual die schlechteste aller bisherigen Bundestrainer.

"Ich wusste, was auf mich zukommt. Und ich komme gut damit zurecht. Ich habe ja alles schon erlebt", sagte Ribbeck. Wer den gebürtigen Wuppertaler aber seit seinem Amtsantritt im September 1998 begleitet hat, erkennt die Veränderungen in ihm. Er wirkt vor dem Start in die EM-Endrunde 2000 angespannter, abwägender, weniger spontan als vor 21 Monaten. In der Krise mit den negativen Höhepunkten in und nach den Spielen gegen Holland (1:2) sowie gegen die Schweiz (1:1) korrigierte Ribbeck auch den Umgang in seinem direkten Umfeld.

"Offensichtlich sind einige Spieler mit meinem offenen Führungsstil nicht klar gekommen", sagte Ribbeck und watschte den Chefkritiker Jens Jeremies, der den Zustand der Nationalelf als "jämmerlich" beschrieben hatte, mit einer Suspendierung für ein Spiel ab. Dann flog sein Gefolgsmann Uli Stielike aus dem Boot. Mit Horst Hrubesch ("Modern ist, wenn du gewinnst") liegt Ribbeck in Fragen der Fußball-Philosophie auf einer Wellenlänge.

Auch unmittelbar vor Beginn des zweiten Ernstfalles - den ersten hatte er als Krisenmanager mit der EM-Qualifikation erfolgreich gelöst - bleibt Ribbeck dabei: Visionen wie die von einer erfolgreichen Titelverteidigung sind nicht sein Ding. Nur die nächste Aufgabe zählt: "Mir fällt es schon schwer, 14 Tage zurück oder voraus zu blicken." So hat Ribbeck die Auftaktpartie am Pfingstmontag gegen Rumänien zur allein zählenden Wahrheit erklärt: "Wenn wir das gewinnen, haben wir schon die halbe Miete drin." Dagegen sei es "vermessen, jetzt vom Titel zu sprechen".

Schon mit einem Vordringen in das EM-Halbfinale, das heimliche Ziel des Deutschen Fußball-Bundes mit seinem Präsidenten Egidius Braun, würde Ribbeck den Mond ein Stück näher an die Erdkugel heran holen. Denn wie hatte Werner Lorant, der Trainer von 1860 München, bei der Inthronisierung von Ribbeck als oberster deutscher Fußball-Lehrer gesagt: "Ribbeck ist vom Fußball so weit weg wie die Erde vom Mond." Vor vier Jahren hatte auch Vogts seinen eigenen populistischen Spruch positiv aufgelöst: Er kam als Held aus England zurück.

Nun will also Ribbeck vermeiden, als Vaterlandsverräter dazustehen. "Ich werde alles tun, damit wir die Schwarzseher überzeugen." Sein größtes Argument dabei: "Die Gruppe ist intakt." Trotz Zweifel sowie Meinungsunterschieden über Spielweise und Taktik haben Trainer und Mannschaft zuletzt auf Mallorca die Wagenburg zusammengeschoben: "Er hatte keine leichten zwei Jahre, und ich bewundere ihn, wie er mit den ganzen Sachen umgeht. Sein großer Vorteil ist, dass er immer sehr schützend vor den Spielern steht", sagt Kapitän Bierhoff.

Maßstab aber wird für Ribbeck die EM-Endrunde. "Nur danach lasse ich mich messen", hatte der Teamchef immer wieder betont. "Die Leute waren zuletzt sehr kritisch, das ist gut so." Im Gegensatz zum EM-Sieg 1980, an dem Ribbeck als Assistenzcoach mitgewirkt hatte ("Da hatte ich die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Spieler nicht so lang in der Sonne sitzen"), polarisiert sich um den Chef nun das Interesse der Öffentlichkeit. "Ich möchte beweisen, dass ich nicht die Flasche bin, als die ich von vielen hingestellt werde", hatte Ribbeck bei seinem Amtsantritt gesagt. Ab sofort kann er es.

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