Sport : Teamgeist schlägt Eitelkeit

Wie Bundestrainer Beckmann die deutsche Freistilstaffel zu Favoriten auf die Goldmedaille machte

Vom Frank Bachner[Athen]

Ralf Beckmann wird von Teamgeist, von Motivation und von individuellen Stärken reden. Das ist nicht neu und doch revolutionär. Ein deutscher Chefbundestrainer im Schwimmen doziert vor US-Startrainern, wann hat es denn so etwas schon mal gegeben? Im Herbst wird Beckmann nach Amerika fliegen, eingeladen hat ihn die US-Trainervereinigung. Thema seines Vortrags: Wie macht man aus einer zerstrittenen und mäßig erfolgreichen Mannschaft ein schlagkräftiges Team?

Genau das hat Ralf Beckmann in Deutschland geschafft. „Dass ich da über die deutsche Mannschaft reden darf, zeigt doch, wie sehr uns die US-Amerikaner wieder beachten“, sagt er. „Wir haben ja eine Außenwirkung auf andere.“ Das ist ganz wichtig. Betontes Selbstbewusstsein gehört nämlich zur Taktik von Beckmann. Heute kämpft die deutsche 4-x-100-m-Freistil-Staffel der Frauen um eine Medaille, und mit Zahlen allein kann Beckmann die Konkurrentinnen aus den USA und Australien nicht sonderlich beeindrucken. Die Deutschen halten den Weltrekord mit 3:36,00 Minuten. Lächerlich, sagen die Australierinnen. Wenn man die Jahresbestzeiten der vier besten australischen Schwimmerinnen zusammenzählt, kommt diese Staffel auf 3:35,20 Minuten. Die US-Amerikanerinnen bieten 3:35,80 Minuten, die Deutschen liegen fast zwei Sekunden zurück. Und Beckmann? Beckmann sagt: „Wir sind nicht gekommen, um Zweiter zu werden. Unsere Gegnerinnen wissen ganz genau, dass wir gerade in den Staffeln immer besonders stark sind.“ Außerdem wechseln die Deutschen sehr gut.

Zwei Sekunden Rückstand auf dem Papier? So eine Rechnung wischt Beckmann weg wie eine lästige Fliege. „Franziska van Almsick schwimmt mit fliegendem Wechsel eine Sekunde schneller als bei der deutschen Meisterschaft, Antje Buschschulte wird sich wohl um 1,5 Sekunden steigern.“ Das größte Problem hat Beckmann schon lange gelöst. Genau deshalb darf er ja in den USA referieren. Der Chefbundestrainer hat der Mannschaft wieder eine klare Führungsstruktur gegeben. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney war die 4-x-100-m-Freistil-Staffel noch ein ungeordneter Haufen, der an Eitelkeiten scheiterte. Das Quartett galt als Goldfavorit, deshalb wollte jeder den größtmöglichen Anteil am Ruhm. „Damals haben sie ja schon vorher diskutiert, in welcher Reihenfolge sie Gold abholen“, sagt Beckmann.

Besonders die Start- und Schlusspositionen waren umkämpft, weil man dort besonders lange von den TV-Kameras eingefangen wird. Antje Buschschultes Trainer bestand darauf, dass seine Athletin als Startschwimmerin ins Wasser sprang, obwohl jeder Experte wusste, dass sie dort fehlbesetzt war. Dirk Lange, der Coach von Sandra Völker, setzte durch, dass seine Athletin als Letzte anschlägt. Die zuständigen Bundestrainer wurden einfach überstimmt. Doch Antje Buschschulte schwamm miserabel, und am Ende verpasste die deutsche Staffel um drei Hundertstelsekunden sogar die Bronzemedaille. In Athen laufen solche Spielchen nicht. Da hat der Chef das letzte Wort. Beckmann kann nicht garantieren, dass seine Staffel Gold gewinnt, garantieren kann er aber eins: „Eine Abstimmung findet hier nicht statt.“ Es bestimmt nur einer: Ralf Beckmann.

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