Sport : Teamgeist zum Anfassen

Die Stärke des VfB Stuttgart ist die Gemeinschaft, der sich alle unterordnen

Oliver Trust[Stuttgart]

Am Anfang stand sein Name und Nationalspieler dahinter. Aber irgendwann saß der Mann auf der Tribüne – oder er saß auf der Bank. Es war eine harte Zeit für Thomas Hitzlsperger, der sich immer als Teamplayer verstand. Das hatte der 25- Jährige in England kennen gelernt, genauso wie das Heimweh. In Stuttgart hatten sie lange keinen Nationalspieler mehr verpflichtet und nun war er da als Giovanni Trapattoni gehen musste und Armin Veh kam. Er, der Mannschaftsspieler, der neu lernen musste, sich einzubringen.

„Ich war froh, dass er mich im Sommer noch einmal genau beobachtet hat und gemerkt hat, dass er mich brauchen kann“, sagt Hitzlsperger. Er meint Armin Veh, den Trainer, von dem sie alle sagen, er sei verantwortlich für den neuen Mannschaftsgeist, den sie in Stuttgart fühlen. Authentisch, glaubhaft, spontan – der Trainer eines Teams, das durch Disziplin und Spielfreude auffällt. „Auch wenn das altbacken klingt, aber ich glaube tatsächlich, dass die Mannschaft der Star ist“, sagt Manager Horst Heldt. Und zu Thomas Hitzlsperger: „Es ist beeindruckend wie er die Kurve gekriegt hat. Wir sind in dieser Saison sehr zufrieden mit ihm.“

In England nannten sie ihn wegen seiner unheimlichen Schusskraft „The Hammer“, in Stuttgart war er bald Mitläufer, der auf der Liste möglicher Verkäufe stand. Jetzt soll er einen neuen Vertrag bekommen und zögert. Bis 2008 läuft das Arbeitsverhältnis noch. Es gäbe keine Eile sagt der Bayer Hitzlsperger, Sohn eines Landwirts, der mit 17 den heimatlichen Hof und Bayern München verließ, um nach England zu gehen. Jetzt gehört er zu denen, die regelmäßig in der ersten Elf stehen. Hitzlsperger hängt sich rein, rackert, kämpft und war einer derjenigen, die der Mannschaft halfen als diese zehn Wochen lang Torjäger Mario Gomez ersetzen musste. „Ich glaube Geduld ist eine Wesensart, die mir geholfen hat“, sagt er. Und: „Das hat uns in dieser Saison ausgezeichnet. Diese Geschlossenheit ist unsere eigentliche Stärke. Es ist traumhaft und macht Spaß.“

Oder sind es die Erfahrungen im Trainingsalltag? Das war ungefähr wie bei Ludovic Magnin, dem Schweizer, der fast nach Spanien gegangen wäre und dann doch den Weg zurück fand. Oder Timo Hildebrand, der nicht nur mit gesundheitlichen Problemen nach der WM kämpfte. Sein Wechsel ins Ausland verlief nicht ohne Nebengeräusche. Der als isoliert eingestufte Hildebrand fand den Weg zurück in die Gemeinschaft. Mitgezogen vom Rest der Mannschaft. Oder Mario Gomez. Von dem sagt Guido Buchwald, Weltmeister 1990 und Meister mit dem VfB 1992, „er hat die anderen Jungen mitgezogen wie eine Galionsfigur“.

Das „Problem Hitzlsperger“ erledigte Veh auuf seine Art. Der hatte sich öffentlich über seine Reservistenrolle beschwert. Der „Ochse“ solle gefälligst ordentlich trainieren und nicht so viel reden. Vehs Worte klangen nicht nach Beleidigung, eher nach kerniger Aufmunterung. Hitzlsperger hat sie verstanden.

Als die Stuttgarter in Bochum 3:2 siegten weinte ein Mann, der sich vor Monaten noch als eigensinnige „Ich-AG“ bezeichnen lassen musste: Cacau. „Ich bin so stolz auf diese Mannschaft, deshalb weine ich“, sagte der gläubige Christ. Der gesamte Kader war nach Bochum gereist. Der verletzte Mario Gomez kam während seines Reha-Trainings immer zu den Spielen angereist, um seine Kollegen zu motivieren. „Ich muss hier keinen festhalten, weil er sonst abhebt. Wir haben Spieler mit einer guten Erziehung“, sagt Trainer Veh. „Die Mannschaft erledigt viele Dinge alleine.“ Die Prämie für Titel und Pokal sollen alle zu gleichen Teilen erhalten. Spieler und Betreuer, das hat der Mannschaftsrat beschlossen.

„Man muss das Ohr nah an der Mannschaft haben, viele Dinge kann man im Gespräch regeln“, berichtet Fernando Meira, der Kapitän. Respekt kennzeichne den Umgang, erzählt Manager Horst Heldt. Er und Veh leben es vor. „Vor allem der Trainer ist authentisch. Was er sagt, so ist er auch.“ Und Veh sagt: „Wenn wir gewinnen, sind wir glücklich. Wenn es Schalke schafft, dann gratuliere ich Schalke. Wer am Ende oben steht, der hat es verdient. Wir haben sehr viel erreicht, sind in der Champions League und die Mannschaft hat eine tolle Saison gespielt.“ Die Mannschaft. Zu der gehört auch Thomas Hitzlsperger. Der sagt: „Es gibt eine klare Hierarchie, die sich natürlich entwickelt hat. Die Leute hier sind sehr erwachsen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben