Sport : Teamsport Grillen

Sebastian Moll

Das Krachen von Lederkugeln auf Baseballschlägern wird in Amerika erst wieder im Frühjahr zu hören sein, die Basketball-Play-offs fangen gar erst im Juni an, und so gehören die Wintermonate in den USA dem Football. Quer über den Kontinent wird in der Vorweihnachtszeit um den Einzug in die Finalrunden gerangelt und gerannt – vom Profisport bis hinunter in die Highschool-Ligen. Über die kompletten 90 Seiten ihrer Ausgabe der vergangenen Woche feierte deshalb die Zeitschrift „Sports Illustrated“ Glorie und Faszination von Amerikas liebstem Sport. Dabei ließen die Autoren allerdings den Aspekt aus, der noch viel mehr als die kontrollierte Prügelei auf dem Rasen Amerika mobilisiert: das sogenannte Tailgating.

Wesentlich mehr Menschen als bei den Spielen der NFL und der College-Ligen auf der Tribüne sitzen, stehen auf den Parkplätzen rund um die Stadien an den Heckklappen ihrer Autos, grillen alles von Hotdogs bis zu Rinderhälften und trinken vom Vorabend des Spiels bis in die Morgenstunden danach Unmengen von Bier. Das Tailgating-Ritual, an dem bei großen Spielen bis zu einer halben Million Menschen teilnehmen, hat dabei nur entfernt etwas mit Football zu tun. „Es kommt auf die Freunde an, die man trifft, auf die Party und auf den Sport“, schreibt etwa das Magazin für amerikanische Traditionen, „American Heritage“. „In genau dieser Reihenfolge. Und oft ist der letzte Punkt dieser Liste verzichtbar.“ Manche bringen zwar zum Tailgating einen Fernseher mit, um wenigstens ein bisschen vom Spiel zu sehen, aber es geht sowieso um etwas anderes. So glaubt der New Orleaner Koch Joe Cahn, der es sich zum Lebensinhalt gemacht hat, in seinem Wohnwagen von Tailgate zu Tailgate durchs Land zu fahren, dass das Tailgating einen dringenden Bedarf in der Gesellschaft des modernen Amerika deckt: „Es ist der einzige Ort, an dem Amerikaner noch wirklich zusammenkommen. Man sagt wildfremden Leuten Hallo und trinkt ein Bier zusammen. In den Nachbarschaften der Städte und Ortschaften passiert das nicht mehr.“

Die Sehnsucht nach einem solchen Gemeinschaftserlebnis ist offenbar überwältigend. Dael Jaeger, der Parkwächter des Lambeau Field, dem legendären Stadion der Green Bay Packers, muss sich etwa standhaft gegen Bestechungsversuche wehren, um besonders günstige Parkplätze freizuhalten. „Ich bekomme bis zu einem Monatsgehalt angeboten.“ Das ist deutlich mehr, als eine Stadionkarte kosten würde. Aber wer brav auf der Tribüne sitzt, verpasst ohnehin das wahre Ereignis: die Party auf dem Parkplatz.

An dieser Stelle erklären die US-Korrespondenten Matthias B. Krause und regelmäßig Phänomene aus dem amerikanischen Sport.

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