Sport : Technik, die begeistert

Die Schiedsrichter gehören zu den Verlierern der WM – und können sich beim „Tag der offenen Tür“ in ihrem Quartier nicht Luft machen. Derweil gibt Fifa-Boss Joseph Blatter dem Druck nach und kündigt Reformen an

Simon Riesche[Pretoria]
Schiedsrichter in Bedrängnis.
Schiedsrichter in Bedrängnis.Foto: dpa

Das Gelände der Odendaal High School vor den Toren Pretorias ist ein eher unscheinbarer Ort inmitten etwas heruntergekommener Vorstadthäuser. Am Dienstag jedoch war es nach den beiden Stadien der Achtelfinalspiele der wohl am meisten beachtete Ort der Fußballwelt. Denn hier haben die Schiedsrichter des Weltverbands Fifa ihr WM-Quartier bezogen, und zum „Tag der offenen Tür“ waren Journalisten aus aller Herren Länder gekommen, auf der Suche nach Antworten auf die Schiedsrichterkrise.

Die Schiedsrichter haben bei dieser WM nach einer Reihe klarer Fehlentscheidungen reichlich Kritik einstecken müssen. Hilflos wirkten sie, weil ihnen entgangen war, was Millionen im Fernsehen gesehen hatten. Jorge Larrionda aus Uruguay etwa ein Tor der Engländer im Spiel gegen die Deutschen. Und Roberto Rosetti aus Italien eine klare Abseitsstellung des argentinischen Torschützen Carlos Tevez wenige Stunden später. Dabei war dies auf der Videowand im Stadion deutlich zu sehen. Auch der Linienrichter hatte es sich dort noch einmal angeschaut.

Der schwarze Sonntag, wie ihn WM-Beobachter in Südafrika nennen, hat der Diskussion über mögliche technische Hilfsmittel wie Videobeweis oder Chip-Ball neues Futter gegeben. Technische Hilfe für die Schiedsrichter – so lautet die Forderung. Doch gerade beim „Tag der offenen Tür“ blieben die drängenden Fragen draußen. Die beiden besonders kritisierten Schiedsrichter Rosetti und Larrionda waren gar nicht erst erschienen, und ihre Kollegen wollten oder durften sich zu den Fehlentscheidungen nicht äußern. Der englische Referee Howard Webb versuchte, um Verständnis für sich und seine Kollegen zu werben. Am unglücklichsten über die Entscheidungen seien die Schiedsrichter selbst, sagte Webb, aber Fehler würden eben passieren. Später schob er immerhin noch einen wichtigen Satz nach: „Ich bin für alle Hilfsmittel, die uns glaubwürdiger machen.“

Da hatte sich inzwischen auch die Fifa in die Debatte eingemischt. Ihr Präsident Joseph Blatter versuchte, sich gar an die Spitze zu setzen, obwohl er einen Tag zuvor noch geschwiegen hatte. „Ich verstehe die Kritik und Sie haben das Recht, die gemachten Entscheidungen zu kritisieren.“ Man werde sich zusammensetzen und über mögliche Änderungen beraten. „Es wäre unsinnig, sich darüber keine Gedanken zu machen. Wir müssen das Thema wieder diskutieren.“ Befürworter des Chip-Balls oder der Torkamera können sich nun wieder Hoffnungen machen. „Im Oktober, November werden wir ein neues Modell hervorbringen, mit dem das Spitzen-Schiedsrichterwesen verbessert wird“, kündigte Blatter an – und entschuldigte sich im Namen der Fifa bei den benachteiligten Delegationen aus Mexiko und England für die Fehlentscheidungen.

Schon Mitte Juli treffen sich die Fifa-Verantwortlichen in Cardiff mit Mitgliedern des International Football Association Boards (IFAB), das für Regeländerungen zuständig ist. Große Reformen sollen dann schon Thema sein.

Bis zum Endspiel am 11. Juli sind die Schiedsrichter allerdings weiterhin auf sich allein gestellt und können sich technische Hilfe nur wünschen. Damit der Fußball bis dahin von weiteren Fehlentscheidungen verschont bleibt, trainieren die bemitleidenswerten Referees hart. Beim „Tag der offenen Tür“ vor den Toren Pretorias wurden medienwirksam Abseitsentscheidungen geübt – unter erschwerten Bedingungen. Aus aufgestellten Lautsprechern tönte der Lärm der Vuvuzelas, die Schiedsrichter sollen sich daran gewöhnen. Doch Vuvuzelas hin oder her, am Ende kommt es doch nur auf die Pfeifen an.

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