Sport : Teil 2: Meine erste Liebe: Eintracht Braunschweig

Axel Hacke

Axel Hacke (43) arbeitet für die "Süddeutsche Zeitung" und ist Autor zahlreicher Bücher. Gerade erschienen ist "Hackes kleines Tierleben".

Eintracht Braunschweig, 1885 gegründet, zählte 1963 zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga und wurde 1967 Deutscher Meister. Nach dem Abstieg aus der Ersten (1983) und der Zweiten Bundesliga (1993) spielt die Eintracht heute in der Regionalliga Nord.

Als ich elf Jahre alt war, spielten wir Fußball mit allem, was sich mit Füßen treten ließ. An der Bushaltestelle kickten wir mit Quitten aus den Sträuchern neben dem Wartehäuschen. Auf dem Pausenhof kickten wir mit flach gedrückten Kakaotüten. Auf dem Heimweg kickten wir mit zusammengeknülltem Butterbrotpapier. Einer bekam die Stulle immer in Tupperware verpackt. Mit der Tupperware kickten wir auch. Nachmittags im Park kickten wir sogar mit einem Ball. Zum Kicken war uns alles recht.

Wenn wir kickten, nannten wir uns Kaack oder Maas oder Bäse, auch Dulz oder Ulsaß, so wie die Spieler der Braunschweiger Eintracht hießen, die Deutscher Meister wurde, als ich elf war, 1967 - und dann nie wieder. Irgendwie klingt meine ganze Kindheit nach diesen Namen, nach Wolter auch und Jäcker, nach Moll, Meyer, Schmidt, Matz, Grzyb, Gerwien, lauter kurze, ein- oder zweisilbige Namen, bis auf Saborowski, den einen der beiden Innenstürmer, er kam aus Kiel. Eine ein- bis zweisilbige Kindheit in der deutschen Provinz, nahe der Zonengrenze.

Diese Mannschaft. Niemand hatte vor der Saison mit ihr gerechnet, die Favoriten hießen Dortmund, der Europacup-Sieger, und 1860 München, der Meister von 1966, auch Köln, Bayern und Gladbach. Aber Bayern verlor in Braunschweig 2:5, Sepp Maier verbrannte hinterher seinen Pullover vor Wut. Trotzdem schrieben Zeitungen am Saisonende vom "schwächsten Deutschen Meister, den es je gab". Das war uns egal, wir lasen es nicht.

Wir lasen nur, dass es eine Elf ohne Stars war, dass eine große Kameradschaft unter den Spielern herrschte, dass noch nie eine Meistermannschaft weniger Tore (27) kassiert und auch noch nie eine weniger (49) geschossen hatte. Nie wurde jemand des Feldes verwiesen, und Helmut Johannsen war sieben Jahre Trainer, ein Muster an Beständigkeit.

In der Saison darauf warf die Eintracht Rapid Wien aus dem Europapokal und besiegte Juventus Turin im Hinspiel 3:2, bei drei Toren von Kaack, leider zwei davon Eigentore, ausgerechnet Kaack, der Zuverlässigste. Juve wurde sogar in ein Entscheidungsspiel in Bern gezwungen, dann war Schluss. Aber Tuttosport schrieb von den "entfesselten Furien aus Braunschweig". Ich lese es heute voller Rührung, denn was ist einem Braunschweiger fremder als das Furiose und das entfesselt sein?

Gott, was haben wir sie bewundert. Mein Onkel war Ordner bei den Heimspielen, er trug dann eine blau-gelbe Kappe, und nach dem Spiel mussten meine Tante und ich auf ihn warten, weil er noch mit den anderen Ordnern an der Kasse stand und seinen Lohn abholte. Ich dachte: Wenn ich es einmal so weit bringe im Leben, dass ich Geld bekomme für etwas, das ich doch sowieso tun würde...

Als ich zum Gymnasium sollte, wollte ich an die Gauss-Schule, weil dort Hennes Jäcker Studienrat war, der zweite Torwart; alle Spieler hatten damals noch einen Beruf und übten ihn auch aus. Aber meine Eltern schickten mich zum Wilhelm-Gymnasium. Dort war Hannes Vogel mein Sportlehrer, der die Mannschaft als Trainer in die Bundesliga gebracht hatte. Das war auch schön.

1968 starb Moll - der blonde, gut aussehende Moll - bei einem Autounfall, auch seine Frau kam zu Tode, und die beiden kleinen Töchter sahen ihre Eltern nie wieder. Die halbe Stadt weinte, die "Braunschweiger Zeitung" erschien mit einem Extrablatt, die Weltmeisterelf von 1954 reiste zu einem Benefizspiel an. Wir machten in unseren Fußballbilder-Alben ein Kreuz neben seinem Foto, und eine glückliche Zeit war zu Ende, auch für uns.

Es kam die Zeit, in der die Eintracht in den Bundesligaskandal verwickelt war. Es kam die Zeit, in der Herr Mast von der Firma Jägermeister von hier aus die Fußballwelt veränderte, weil er aus Eintracht Braunschweig die erste Mannschaft mit Trikotwerbung machte. Es kam die Zeit, in der Paul Breitner für Eintracht Braunschweig spielte, nicht lange, er hielt es nicht aus, dass jeden Sonntag die Leute in Massen ihre Spaziergänge an seinem Haus vorbei machten. Dreimal stieg die Eintracht aus der Bundesliga ab, leider nur zweimal wieder auf.

Heute spielt sie in der Regionalliga Nord. Ich weiß nichts mehr über sie und wohne schon lange woanders. Aber nie wieder war Fußball etwas so Großes für mich, nie wieder rührte er so an mein Herz. Wir waren elfjährige Jungs, wir kickten als Vorbereitung auf die Rangeleien des Erwachsenenlebens, wir kickten die Spannungen und die Angst aus uns heraus, die das Leben uns schon verursachte. Und zufällig gab es genau zu dieser Zeit in unserer abgelegenen, unbedeutenden Stadt eine große Fußballmannschaft und danach nicht mehr.Nächsten Dienstag: Der Journalist Heinz Florian Oertel über Waggonbau Dessau

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