Telekom-Skandal : Ullrich-Anwalt: Auspacken gibt es nicht

Ullrich-Anwalt Peter-Michael Diestel hat nach den Outings früherer Telekom-Fahrer Zweifel, ob der Prozess wegen Betrugs gegen seinen Schützling noch aufrecht erhalten werden kann. Schließlich könne von Betrug keine Rede sein, wenn Doping beim Team Telekom Gang und Gäbe war.

Berlin - Ein halbes Dutzend seiner ehemaligen Teamkollegen hat Doping gestanden, doch der ehemalige Telekom-Kapitän Jan Ullrich bleibt weiter in Deckung. "Er tut nur das, was in der jetzigen Verfahrenssituation zweckmäßig ist", erklärte Ullrichs Anwalt Peter-Michael Diestel im "ZDF-Morgenmagazin". Mit Hinweis auf mögliche strafrechtliche Konsequenzen meinte er: "Ein Auspacken bei Jan Ullrich gibt es in diesem Sinne nicht." Es sei nicht dessen Absicht, etwas zu verheimlichen, sagte Diestel: "Er ist nur im Augenblick von Strafverfahren und Prozessen bedroht, deshalb ist sein Verhalten einfach anders."

Er habe niemanden betrogen, hatte der 33-jährige Ullrich noch bei der Pressekonferenz zu seinem Karriereende am 26. Februar betont. "Jan Ullrich ist ja viel weitgehenderen Vorwürfen ausgesetzt", so Diestel. Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt im Betrugsfall gegen den Olympiasieger von Sydney zum Nachteil seines früheren Arbeitgebers T-Mobile. Der hatte Ullrich nach dessen Verwicklung in den Skandal um den mutmaßlichen Dopingarzt Fuentes im Sommer 2006 fristlos gekündigt.

Staatsanwaltschaft Bonn prüft Anzeige gegen Ullrich

Diestel sieht sich als Strafverteidiger von Ullrich nach den Offenbarungen der Ex-Telekom-Profis Bert Dietz, Christian Henn, Brian Holm, Udo Bölts, Rolf Aldag und Erik Zabel "etwas entlastet". Denn wo sei die Basis von Betrug, wenn Doping, "wie von Herrn Dietz und Henn dargestellt, bei Telekom Gang und Gäbe war". Seine Schlussfolgerung: "Wenn es so ist, dass es bei Telekom üblich war, dann ist richtigerweise für Betrug keine Substanz gegeben, dann müssen die Akten zugeschlagen werden."

Bei der Bonner Staatsanwaltschaft wird derzeit bereits geprüft, ob die im Juli 2006 von Rechtsprofessorin Britta Bannenberg gestellt Anzeige noch aufrecht erhalten werden kann. "Wir sind bislang immer davon ausgegangen, dass das jetzige T-Mobile-Team nichts von Doping wusste. Es gibt nun sicherlich Überlegungen, ob jetzt immer noch so gedacht werden kann", sagte ein Sprecher. "Was mein Mandant zu diesem Zeitpunkt dort wusste und was er eingenommen hat, ist nach meinen Dafürhalten ganz anders zu bewerten", unterstrich Diestel. Ullrich, Tour-de-France-Sieger von 1997, hat bisher immer bestritten, jemals illegale Mittel zur Leistungssteigerung genommen zu haben.

Diestel: Situation Ullrichs anders als bei den Geständigen

Die generelle Abkehr vom Schweigen beurteilte Diestel durchaus positiv. "Wenn alle anderen meinen, jetzt etwas zugeben zu müssen, dann ist das ein richtiger, logischer Weg, um dem Doping in Gänze den Kampf anzusagen. Ich glaube schon, dass es der richtige Weg ist", sagte Diestel. Für seinen Mandanten müsse er das jedoch anders sehen: "Er hat eine andere Situation wie Herr Dietz, Herr Henn und viele andere, weil er als Einziger, als Galionsfigur des deutschen Radsports bedroht ist durch Verfahren."

Alle, die jetzt einen Beitrag leisten können, müssten im Kampf gegen Doping zusammen stehen, forderte Diestel und setzte sich für einen Runden Tisch ein, an dem auch die beschuldigten und betroffenen Leistungssportler sowie verurteilte Trainer teilnehmen sollen. Dazu würde sicher auch sein Mandat bereit sein. "Das kann man nur, wenn die Betroffenen nicht sofort einem Strafprozess oder einer zivilrechtlichen Forderung entgegen sehen." Die Gesetzgeber müssten einen Zustand erreichen, der ein solches freies und offenes Mitwirken möglich mache. "Dann wird man auch die Hintermänner des Doping-Systems hilflos machen", glaubt Diestel.

Abschied vom Rekorddenken

Ein Umdenken für den gesamten deutschen Sport ist für Diestel unausweichlich. "Wir müssen begreifen, dass man nicht mit 40 km/h über die Pyrenäen fahren kann, dass man 250 Kilo ohne Stimulanzen nicht hochheben kann. Wir müssen uns vom Rekorddenken verabschieden." Derzeit scheint ein Hochleistungssport ohne Stimulanz-Mittel aber gar nicht möglich. "Das sage ich, das sagen alle Trainer, das wissen auch alle in der Sportpolitik Tätigen, dass wissen auch alle Funktionäre." (Von Jens Mende, dpa)

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