Sport : Tempolimit der Natur

Der Dopingfall des Sprinters Justin Gatlin legt den Verdacht nahe, dass die Grenzen schon erreicht sind

Friedhard Teuffel

Berlin - An Geschwindigkeitsbegrenzungen hält sich Asafa Powell nicht gerne. Ständig läuft der Jamaikaner schneller, im vergangenen Jahr hat er sogar den offiziellen Weltrekord aufgestellt und sich damit inoffiziell zum schnellsten Mann der Welt befördert. 9,77 Sekunden brauchte er für 100 Meter und kündigte an: „Ich kann 9,75 laufen.“ Auch der Amerikaner Justin Gatlin wird immer schneller und hat Powell inzwischen eingeholt. Doch der Olympiasieger und Weltmeister muss derzeit eine positive Dopingprobe erklären. Seine Weltrekordzeit von 9,77 Sekunden könnte ihm daher schon bald aberkannt werden.

Mit seinem Dopingbefund hat Justin Gatlin nun wieder die Frage aufgeworfen, wie schnell der Mensch überhaupt laufen kann, ob ihm nicht die Natur ein Tempolimit vorgegeben hat, das er nur mit verbotenen Mitteln überschreiten kann. Schon einige Wissenschaftler haben sich die Mühe gemacht, die Leistungsentwicklung im Sprint mathematisch auszurechnen. Einer kam mit seiner Kurve auf 9,46 Sekunden, ein Wissenschaftler aus Leipzig ermittelte in den Siebzigerjahren, dass der Mensch über 100 Meter eine Zeit zwischen 9,65 und 9,70 Sekunden erreichen kann.

„Davon gehen wir auch heute noch aus“, sagt Frank Lehmann vom Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig (IAT). Als verlässliche Prognose sieht er diese Zahlen jedoch nicht. Die Berechnungen beruhen schließlich auf den bisher erzielten Ergebnissen, und es ist nicht gesagt, wie viele davon nur durch Doping möglich waren. Schon jetzt gibt es Stimmen in der Leichtathletik, die nicht daran glauben, dass eine Zeit unter 10,0 Sekunden aus natürlichem Antrieb zustande kommen kann. Der Zweifel wächst mit jedem überführten Weltrekordler (siehe Kasten). Der Brite Dwain Chambers brachte es vor seiner zweijährigen Sperre wegen Dopings mit dem Anabolikum THG auf eine Zeit von 9,87 Sekunden. Das war 2002 und mit dieser Zeit eroberte er den Europarekord. Nach der Sperre kam er in diesem Jahr zurück, hat aber 10,07 Sekunden noch nicht unterboten. Der Europarekord wurde ihm längst aberkannt.

Dennoch erweckten gerade Gatlin und Powell in jüngster Vergangenheit den Eindruck, der wohl populärste Weltrekord des Sports sei planbar. „Sie bestreiten 15, 20 Wettkämpfe pro Saison, und glauben, dass es einmal klappt, wenn die Vorbereitung, die Bahn und die Temperatur optimal sind“, sagt Lehmann, der beim IAT als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Leichtathletik tätig ist. Gatlin und Powell reden viel vom Talent. Das Talent zum Sprinten definiert Lehmann so: „Möglichst schnell möglichst viele Muskelfasern anspannen zu können.“

Ein natürliches Ende der Entwicklung gebe es aber auf jeden Fall, sagt Lehmann. „Je mehr wir uns vom Neandertaler entfernen, umso schlechter werden unsere genetischen Voraussetzungen fürs Rennen.“ Die Evolution gehe also in eine andere Richtung. Das moderne Leben nimmt Tempo aus dem menschlichen Körper.

Verglichen mit anderen Sportarten ist die Leistungsentwicklung im Sprint ohnehin überschaubar. „Jede Verbesserung um eine Hunderstel wird gefeiert wie sonst was“, sagt Lehmann. 1968 in Mexiko gewann der Amerikaner Jim Hines zum ersten Mal eine olympische Goldmedaille über 100 Meter mit einer Zeit unter 10 Sekunden. 9,95 wurden bei ihm elektronisch gemessen – 15 Jahre lang blieb das der Weltrekord. Dagegen bedeutet der aktuelle Weltrekord eine Leistungssteigerung von weniger als eineinhalb Prozent. Andere Sportarten wie Kanu und Rudern haben durch technische Entwicklungen wie neue Boote Zuwächse von mehr als 20 Prozent verbuchen können.

Die technologischen Innovationen beim Laufen sind jedoch ausgereizt. „Die Laufbahnen in den Stadien sind inzwischen so hart, dass man gar nicht mehr auf ihnen trainieren kann“, sagt Lehmann. Auch der Laufstil lasse sich kaum noch verbessern. Gatlin etwa richtet sich nach dem Start bewusst erst sehr spät auf, um bestimmte Muskelgruppen einzusetzen. Mehr Training sei ebenfalls nicht nötig. „Im Ausdauerbereich sind die Leistungen gestiegen, weil die Athleten mehr trainieren und professioneller leben“, sagt Lehmann. Im Kraft-Schnellkraft-Bereich führe mehr Training dagegen nicht automatisch zu mehr Leistung: „Es kommt auf die Optimierung im Verhältnis von Training und Regeneration an.“

Stutzig macht jedoch, dass die Leistungen im Sprint im Gegensatz zu anderen Disziplinen der Leichtathletik nicht eingebrochen sind. Schließlich gab es ein „anaboles Zeitalter“ mit einer Hochzeit in den Achtzigerjahren, viele Rekorde sind auf die Einnahme von Anabolika wie Testosteron zurückzuführen. Als die Kontrollen dann besser wurden, brachen auf einmal die Leistungen ein. Dieser Knick fiel zusammen mit dem Ende des Kalten Krieges, das auch das Wettrüsten der Athletenkörper beendete.

In Disziplinen wie dem Diskuswerfen und Kugelstoßen liegen die Weltrekorde nun in unerreichbarer Ferne. Auch beim Frauensprint stagniert die Entwicklung. Die Weltrekorde der unter rätselhaften Umständen gestorbenen Amerikanerin Florence Griffith-Joyner über 100 und 200 Meter haben seit 18 Jahren bestand.

Die Männer dagegen laufen auf und davon. Allerdings auch nur wenige, und sie kommen fast alle aus den Vereinigten Staaten oder aus der Karibik. Der deutsche Rekord des Magdeburgers Frank Emmelmann von 10,06 Sekunden hält sich schon seit 1985. Als derzeit bester deutscher Sprinter erreichte Tobias Unger im vergangenen Jahr 10,16 Sekunden.

In keiner anderen Disziplin der Leichtathletik gibt es so viel Geld zu verdienen wie im Sprint. Das weckt kriminelle Energien, wie der Skandal um das Balco-Labor in Kalifornien zeigte, wo eigens ein bis dahin nicht nachweisbares Anabolikum entwickelt wurde (THG), um Weltrekorde und Siegprämien zu erreichen. Der Verdacht liegt nahe, dass im Sprint weiterhin Methoden im Umlauf sind, die Tester nicht mehr aufspüren können. Von fein dosierten Testosteronsalben ist die Rede, von Pflastern, von Maskierungsmitteln; davon, dass die Athleten sich an die Grenze des Erlaubten „herandopen“, ohne sie zu überschreiten.

Jetzt muss Justin Gatlin die Sportwelt aufklären: War er im Rausch der Geschwindigkeit oder nur im Vollrausch von Testosteron?

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