Sport : Tempos statt Tempo

Sabrina Mockenhaupt weint wieder öffentlich

Jörg Wenig

Helsinki - Fast wäre Sabrina Mockenhaupt noch überrundet worden. „Zum Glück ist mir das erspart geblieben“, sagte die derzeit beste deutsche Langstreckenläuferin, die im 10 000-Meter-Finale der Leichtathletik-WM als 17. nach 31:28,21 Minuten ins Ziel gekommen war. Knapp 350 Meter betrug im Olympiastadion von Helsinki der Abstand zur Weltspitze. Das sind Welten. Dennoch hat sich die 24-Jährige von der LG Sieg recht ordentlich geschlagen in diesem hochklassigen Feld. Man muss berücksichtigen, dass sie mit einer Erkältung an den Start gegangen ist. „In der Nacht vor dem Rennen ging es los mit Halsschmerzen und Schnupfen. Ich bin froh, dass das Finale jetzt vorbei ist“, sagte Mockenhaupt. Sie blieb, trotz ihres Handicaps, lediglich sieben Sekunden über ihrer persönlichen Bestzeit. „Ich habe mich zudem stark unter Druck gesetzt, denn ich wollte etwas gutmachen“, sagte die 24-Jährige, und dann fing sie unvermittelt an, heftig zu weinen. „Die Leute freuen sich doch, wenn sie so ein kleines Häschen wie mich laufen sehen“, sagte sie schluchzend. „Wer läuft denn schon noch in Deutschland die 10 000 Meter?“ Sie ist immerhin die drittschnellste deutsche 10 000-Meter-Läuferin aller Zeiten.

Tränen sind fast schon zu ihrem Markenzeichen geworden. Vor zwei Jahren, bei der WM 2003, hatte sie aufgegeben und danach vor laufender Kamera geheult. Diese Szene lief dann monatelang in der Fernseh-Sendung des eher groben TV-Satirikers Stefan Raab. Auch vor einem Jahr weinte die Sportsoldatin vor einem Millionenpublikum am Bildschirm. Aber diesmal waren es Freudentränen. Bei den Olympischen Spielen in Athen war sie über 10 000 Meter als 15. ins Ziel gelaufen. „Ich war so froh, dass ich dabei sein konnte“, sagte sie nach ihrem ersten Olympiastart in die Fernsehkameras. „Ich bin eine Frohnatur“, sagte sie jetzt in Helsinki, „aber manchmal habe ich eben zu nah am Wasser gebaut.“

In Deutschland ist die 24-Jährige auf der Langstrecke ohne starke Konkurrenz, doch international hat sie den Anschluss an die Spitze noch nicht gefunden. Und wenn sie sich eine Runde vor Schluss umgesehen hätte, dann hätte Sabrina Mockenhaupt denken können, sie sei im falschen Rennen. Da stürmte nämlich Tirunesh Dibaba in einem Tempo die Zielgerade entlang, das man in der Schlussphase eines 10 000-Meter-Rennens der Frauen noch nicht gesehen hatte. Die 20-jährige Äthiopierin gewann in 30:24,02 Minuten Gold vor ihrer Landsmännin Berhane Adere (30:25,41), der Titelverteidigerin, und ihrer Schwester Ejegayehu (30:26,00). Doch es war die letzte Runde, die spektakulär war. Tirunesh Dibaba rannte die letzten 400 Meter in 58,8 Sekunden. Das ist für Frauen eine unglaubliche Leistung. „In der letzten Runde bin ich wirklich schnell gelaufen. Es war ein schönes Rennen, ich wollte gewinnen“, sagte die Siegerin.

Über 5000 Meter hat die Äthiopierin nun gute Chancen, ihren Titel zu verteidigen. 2003 wurde sie bei der WM in Paris als 18-Jährige die jüngste Goldmedaillengewinnerin in einer Einzeldisziplin in der Geschichte der WM. Und die 5000 Meter geht sie denkbar einfach an: „Meine Taktik? Ich renne einfach so schnell wie ich kann.“

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