Sport : Tennis: Agassi führt Safin vor

Jörg Allmeroth

Andre Agassi hat sein bemerkenswertes Comeback im Tennis-Wanderzirkus mit einem Finaleinzug bei der Weltmeisterschaft in Lissabon gekrönt und dabei den Russe Marat Safin aus allen Träumen gerissen: Der 6:3, 6:3-Sieg des Amerikaners beendete Safins Jahr-2000-Kampagne ausgerechnet im 100. Match und damit vor einem Höhepunkt in dieser bisher so glanzvoll verlaufenen Saison. Agassis Finalgegner wurde nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe im Duell zwischen Wimbledon-Sieger Pete Sampras und French-Open-Gewinner Gustavo Kuerten ermittelt.

Agassis Durchmarsch bis ins letzte Duell dieser WM kam am Ende eines wechselvollen Spieljahres für den ältesten Spitzenspieler der Szene: Zwar war ihm gleich zu Beginn der Saison ein Sieg bei den Australian Open geglückt, doch in den Wochen und Monaten danach stürzte Agassi in eine Krise - genährt durch immer neue Verletzungen, aber auch durch mangelnde Einstellung und Ehrgeiz. "Ich bin stolz, dass ich mich wieder aufgerappelt habe", sagte Agassi, der nach den US Open Anfang September nur sechs Matches bis zum WM-Auftakt bestritten hatte. Zuletzt war Agassi für anderthalb Wochen mit seinem Trainer Brad Gilbert und Fitnesscoach Gil Reyes im Trainingslager in Kalifornien gewesen und hatte sich die Grundlagen für seine Rückkehr bei der WM geholt. "Andre ist wieder dicht an seinem Leistungslimit", sagte Trainer Gilbert nach dem Halbfinale, "er wird im Finale nur ganz, ganz schwer zu schlagen sein."

Agassi profitierte bei seinem vierten Sieg im vierten WM-Spiel zwar auch von einer leichten Fußverletzung seines zehn Jahre jüngeren Kontrahenten, doch schon vor dem schmerzlichen Ausrutscher Safins auf dem violetten Hallenboden im "Atlantischen Pavillon" hatte er Tempo und Rhythmus der Partie diktiert. Besonders von der Grundlinie zwang Agassi den Russen mit seinem extremen Winkelspiel und seiner Schlagkraft immer wieder zu Fehlern. Als Safin bei einem typischen Ballwechsel wieder einmal von Agassi an der Grundlinie hin- und hergehetzt wurde und sich beim 3:5-Rückstand eine leichte Bänderdehnung zuzog, wurde die Überlegenheit des Routiniers noch erdrückender.

Nach dem 6:3 im ersten Satz hatte Agassi auch im zweiten Durchgang stets Vorteile, konnte aber zunächst ein halbes Dutzend Breakbälle nicht nutzen. Doch im genau richtigen Moment, bei einer 4:3-Führung, gelang Agassi das entscheidende Break. Nach 88 Minuten verwandelte der Mann, der als einziger Spieler in der Tennis-Moderne jedes Grand-Slam-Turnier mindestens einmal gewonnen hat, gleich seinen ersten Matchball zum Sieg und zum Einzug ins WM-Finale.

Agassi hat in den vier Spielen von Lissabon nur einen Satz abgegeben. Vor einem Jahr in Hannover war er gar ungeschlagen und ohne Satzverlust ins Finale gestürmt. Umso niedergeschlagener war er damals, als ihn Sampras in drei Sätzen mit 1:6, 5:7, 4:6 aus der Expo-Halle trieb. Diese Niederlage hat ihn tief getroffen. "Diesmal", sagt der Amerikaner, "will ich unbedingt gewinnen."

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