Sport : Tennis Borussia: Der Verein steht wieder auf eigenen Füßen

Karsten Doneck

Die Uhr zeigte 21.55 Uhr. Ehrenpräsident Heinz Pietzsch führte gerade das Wort. Da fuhren draußen unter lautem Sirenen-Getöse zwei Krankenwagen der Berliner Feuerwehr vorbei. Der Einsatz galt zwar nicht den in der Sömmeringhalle tagenden Tennis Borussen, doch irgendwie war er symbolträchtig: TeBe ist als vermeintlicher Himmelsstürmer direkt ins Krankenbett gestürzt. Nur noch viertklassig im Fußball, und der zuvor alles dominierende Sponsor hat sich mitsamt seinem Personal aus dem Staub gemacht: ein Verein am Abgrund? Nicht mehr. Auf der Mitgliederversammlung redeten sich die 230 Anwesenden über drei Stunden lang erst ihren Frust von der Seele und dann neuen Mut zu. Am Ende stand der Neuanfang. In bescheidenem Umfang zwar, aber immerhin ein Neuanfang.

Ohne die Göttinger Gruppe. Dass deren Vertreter Erwin Zacharias und Jürgen Rinnewitz, beide bei TeBe lange in der Verantwortung, nicht zur Versammlung erschienen, lockerte manchem, früher stumm gebliebenem Mitglied die Zunge für harsche Kritik. Da wurde auch deutlich, dass der Sponsor den Verein nach diktatorischen Prinzipien regiert hat. Pietzsch: "Normalerweise kontrolliert der Aufsichtsrat ja den Vorstand. Aber die Handlungsfreiheit des Aufsichtsrates war im Falle von Tennis Borussia stark eingeschränkt." Und an die Göttinger Gruppe gewandt meinte Pietzsch: "Ich habe in 40 Jahren Berufsleben noch nie erlebt, dass jemand derart beratungs-resistent ist."

TeBe hat keine Millionen mehr, aber den nach dem Ausstieg des Sponsors akut drohenden Konkurs abgewendet. Überall kratzt der Klub jetzt Geld zusammen, um nicht als ganz arme Kirchenmaus dahinvegetieren zu müssen. Spieler wie Can und Kocak, von Ex-Trainer Winfried Schäfer erst als große Talente gepriesen, dann aber als unbrauchbar in die Türkei verscherbelt, sollen noch Ablösesummen bringen. Und weil die Zahlungsmoral ihrer jetzigen Arbeitgeber nicht die Beste ist, hat TeBe den DFB eingeschaltet. Allerdings leiden die Borussen auch noch unter den von Zacharias offenbar in Fantasialand abgeschlossenen Verträgen: Ein Trainer wie Mirko Slomka zum Beispiel wurde für drei Jahre angestellt - mit 25 000 Mark Gehalt pro Monat. Jetzt, da Slomka bei Hannover 96 als Trainerassistent arbeitet, fordert er noch drei Monatsgehälter. "Zu viel, wir verhandeln", sagt Klaus Schumann.

Schumann ist dazu auserkoren, neuer Vereinschef zu werden. Der Aufsichtsrat in seiner neuen Zusammensetzung mit Klaus-Volker Stolle, Axel Lange und Jörg Henschel wird da kaum Einwände erheben. Und Schumanns Schattenkabinett steht. Peter Antoni, Chef des Logenhauses und des Hotels am Borsigturm, der Steuer- und Wirtschaftsprüfer Gerhard Marzanke sowie Roland Weißbarth, der für Werbung und Marketing zuständig sein soll, werden mit zu Entscheidungsträgern.

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