Sport : Tennis Borussia: Kein Geld, nirgends: Was bleibt von TeBe?

Karsten Doneck

Kritische Fragen? Keine kritischen Fragen. Der Mann auf dem Podium kann ungestört sein imposantes Zahlenwerk vortragen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr sei ein Überschuss von 3,5 Millionen Mark erzielt worden, verkündet der gut gekleidete Redner. Eine beachtliche Summe für einen Fußball-Zweitligisten mit teurer Mannschaft, der weder große Zuschauer- noch große Werbeeinnahmen verbucht. Aber es kommt noch besser an diesem frühlingshaften Abend im noblen Logenhaus in der Emser Straße in Wilmersdorf. Auf 9,4 Millionen Mark beziffert Erwin Zacharias, Vorstandschef von Tennis Borussia (TeBe), das Vermögen des Vereins. Und noch immer ertragen die Zuhörer die unglaublichen Zahlen ohne sonderliche Rührung. Sitzt da eine Versammlung von Stoikern zusammen? Nun ja, da ist eben der Gewöhnungseffekt. Auf den Mitgliederversammlungen von TeBe wurden schließlich schon in den vorangegangenen Jahren rote Zahlen rosarot aufbereitet. Dass mit den Bilanzen etwas nicht stimmen kann, wurde - wie beim Treffen vom 27. April - verdrängt.

Doch Verdrängungsmechanismen funktionieren nur eine Weile, bis der große Knall kommt. Da hatte Tennis Borussia am letzten Saisonspieltag nur dank der Schützenhilfe anderer Mannschaften den Klassenerhalt geschafft. Elf Tage später flattert der blaue Brief des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ins Haus: TeBe erhält keine Lizenz für die kommende Spielzeit, wird vom 13. auf den letzten Tabellenplatz zurückgestuft und kann sein Glück wieder in der Regionalliga suchen, dort also, wo der Charlottenburger Klub erst vor zwei Jahren herkam, mit einem ganzen Sack voll kühner Träume und großer Ansprüche. Begründung: Dem Verein fehlt laut DFB die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Spätestens da klang die von Erwin Zacharias vor fünf Wochen vorgetragene Bilanz wie ein Kapitel aus dem Märchenbuch.

Bei den Lokalrivalen Hertha BSC oder 1. FC Union wären die Fans nach einem ähnlichen DFB-Spruch wutentbrannt auf die Straße gestürmt. Beim kleinen und oft feinen TeBe-Anhang wird das Urteil hingenommen - mit leisem Wehklagen, aber ohne Aufschrei der Empörung. Auf der Internet-Homepage der Borussen kommt Olaf vom Fanklub "Ping Pong Veterans, Seele - Wärme - Inbrunst" sogar zu dem Fazit: "Der DFB hat uns nicht fair behandelt, aber der Lizenzentzug ist wohl die richtige Entscheidung." Olaf sieht seinen Klub nun statt gegen Borussia Mönchengladbach sogar schon in der Oberliga spielen - gegen Anker Wismar.

Tennis Borussias Werdegang ist eng mit der Göttinger Gruppe verknüpft. Noch als der Schlagerproduzent Jack White als Präsident amtierte und neben flotten Liedern auch ein klitzekleines Stück Fußballgeschichte schreiben wollte, stieg der Finanz- und Versicherungskonzern bei TeBe ein. Im Juni 1995 wurde das Unternehmen Trikotsponsor. TeBe zählte seinerzeit zur Regionalliga Nordost. Als Jack White im September 1995 zurücktrat, fanden sich plötzlich 7,8 Millionen Mark Schulden in den Büchern. "Der Verein war klinisch tot", erinnert sich Ehrenpräsident Heinz Pietzsch.

Die Verantwortlichen der Göttinger Gruppe übernahmen den offenbar bankrotten Laden. Der Sponsor setzte mit Kuno Konrad auch gleich einen Mann aus den eigenen Reihen an die Spitze des Vereins, TeBe bekam zudem einen dreiköpfigen Aufsichtsrat, in dem der Finanzkonzern zwei Vertreter stellte. Kabarettist Wolfgang Gruner, leidenschaftlicher TeBe-Fan, verstieg sich damals zu der Ansicht: "Die beiden Göttinger kennt doch keine Sau." Ihre Namen: Erwin Zacharias und Jürgen Rinnewitz.

Die Göttinger Gruppe hatte sich den Verein damit untertan gemacht, manche sprachen fortan von der "Betriebssportgemeinschaft Göttingen". Kuno Konrad gab zu: "TeBe ist kein Sportverein mehr, sondern fast schon wie eine Unternehmensbeteiligung." Geld floss ohne Ende. Nach vagen Schätzungen sollen um die 50 Millionen Mark in den Klub hineingepumpt worden sein. TeBe glückte der Aufstieg in die Zweite Liga, doch dort begann mit einer Reihe von personellen Fehlentscheidungen alsbald der schleichende Verfall. Als der Wirtschaftsprofessor Erwin Zacharias, zugleich Boss der Göttinger Gruppe, Anfang Januar auch noch den Chefposten im Verein übernahm und dem erfolglosen Trainer Winfried Schäfer den Rücken stärkte, nahm die Talfahrt dramatische Züge an.

Der Staatsanwalt ermittelt

Auch die Göttinger Gruppe saß bereits tief in der Tinte. Das ARD-Wirtschaftsmagazin "Plusminus" berichtete am 16. Mai, von dem Unternehmen seien "hunderte Millionen Anlegergelder nicht investiert" worden. Offenbar, so das Fazit der Plusminus-Recherche, sei die Göttinger Gruppe knapp bei Kasse. Gegen die Firma läuft bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue und des Kapitalanlagebetrugs.

Das machte den DFB hellhörig. Und der verweigerte prompt die Lizenz. Der Verein zieht gegen die Entscheidung nun vor ein ordentliches Gericht. Heinz Pietzsch zumindest weiß für das Dilemma eine Lösung, eine ziemlich radikale. "Wenn ich Zeitung lese", sagt er, "komme ich zu dem Schluss: Wir sind der unsympathischste Verein Deutschlands. Und wenn niemand uns wirklich haben will, warum sollen wir dann überhaupt weitermachen?"

0 Kommentare

Neuester Kommentar