Sport : Tennis Borussia: Nach dem Lizenzverlust

Karsten Doneck

Sie gelobten erst einmal Besserung. Geschäftsführer Michael Plassmann kündigte an, man wolle "eine gewisse neue Bescheidenheit einführen". Und der Vorstandsvorsitzende Erwin Zacharias versprach, in Zukunft werde im Verein niemand mehr "mit dem Dollarzeichen in den Augen herumlaufen". Tennis Borussia, durch Lizenzentzug arg gebeutelt und in Liga drei abgestürzt, macht sich an den Neuaufbau heran. Dass aller Anfang auch da seine Tücken hat, bewies die Entscheidung in der Trainerfrage. Nicht Robert Jaspert, in der vorigen Saison für die Amateurmannschaft zuständig, bekam, wie allgemein erwartet, den Zuschlag als neuer Cheftrainer, sondern Mirko Slomka, zuvor höchst erfolgreich als Jugendkoordinator tätig. Und das war dann schon wieder so ein bisschen die bekannte Schaukelpferd-Politik bei TeBe: Erst wurde Jaspert in gutem Glauben gelassen, er würde alsbald das Amt von Winfried Schäfer übernehmen, dann wurde er kurzerhand abserviert. Wahrlich keine elegante Lösung, wenngleich es für die Entscheidung zugunsten von Slomka gute Argumente gibt. "Wir wollen eine junge Mannschaft aufbauen mit Spielern, die die Zukunft noch vor sich und nicht hinter sich haben", erklärte Zacharias.

In dieser Beziehung hat Mirko Slomka seine Reifeprüfung längst abgelegt. Zwar besitzt er (noch) nicht die Lizenz als Fußballlehrer, aber indem der 32-Jährige vor kurzem die A-Junioren von Tennis Borussia ins Halbfinale der Deutschen Meisterschaft führte, verschaffte er sich einigen Respekt. Bevor Slomka nach Berlin kam, war er zehn Jahre lang in der Nachwuchsarbeit bei Hannover 96 tätig, brachte dort Spieler wie Fabian Ernst und Gerald Asamoah heraus. "Ich will junge Leute auf den Platz bringen, die mit Freude, Spaß und Begeisterung bei der Sache sind", sagt Slomka zu seiner jetzigen Aufgabe. Zeit zum Neuaufbau wurde ihm gewährt: Er erhielt einen Dreijahresvertrag.

Und Robert Jaspert? "Der war natürlich maßlos enttäuscht", sagt Zacharias. So enttäuscht sogar, dass er sich Bedenkzeit erbat, ob er die ihm angebotene Aufgabe, Trainer der zweiten Mannschaft von TeBe zu bleiben, annehmen wird. Die Borussen haben die feste Absicht, ihre Reserve am Spielbetrieb der Oberliga teilnehmen zu lassen.

Für Mirko Slomka drängt die Zeit. Schon am 28. Juni beginnt die Saison mit einem Heimspiel gegen RW Essen. TeBe wird sich morgen in ein fünftägiges Trainingslager nach Schneverdingen in der Lüneburger Heide zurückziehen. 28 Spieler will der Trainer mitnehmen. Darunter wird sich nur ein Akteur aus dem bisherigen Zweitligakader befinden: Niclas Weiland. Den Gedanken, einen Jens Melzig oder Ivan Kozak als "Leitfigur" zu behalten, hat Slomka verworfen. Er fragt, rein rhetorisch: "Warum soll nicht auch ein 18-Jähriger eine Führungsrolle in einer Mannschaft übernehmen können?"

Christian Tiffert, zurzeit mit der U-18-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft beschäftigt, wäre so einer. Tiffert soll aber einen Vertrag beim VfB Stuttgart unterschrieben haben. "Er hat ein Angebot vom VfB, aber noch ist nichts perfekt", sagt Slomka. "Ich werde versuchen, ihn von unserem Konzept zu überzeugen."

Ansonsten wird sich der TeBe-Anhang an ganz andere Gesichter als bisher gewöhnen müssen. Aksoy, Adamovic, Taljevic, Jaekel, Pantios, Jelmazi - die kennen zumindest noch die Zuschauern, die sich in der vorigen Saison für die Amateure des Klubs interessierten. Diese Spieler sind fortan erste Wahl bei TeBe. Dazu kommen die schon vor längerer Zeit geholten Benschneider, Noltemeyer und Fuß. Unmittelbar nach dem K.o. im Kampf um die Zulassung für die Zweite Liga schnappte sich TeBe gleich noch drei Neue: Abwehrspieler Frank Wohlgemuth (Lichtenberg 47), Sebastian Müller (Dynamo Dresden) und - ein bisschen Erfahrung kann ja nicht schaden - Mike Jesse, der bei Energie Cottbus auf 27 Zweitligaeinsätze kam.

Dass TeBe die Lizenz für die Zweite Liga verweigert wurde und auch ordentliche Gerichte dem DFB in dieser Angelegenheit Recht gaben, wurmt die Vereinsvertreter immer noch gewaltig. Erwin Zacharias erklärt jedenfalls: "Für mich ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen." Wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliegt, soll über weitere rechtliche Schritte beraten werden. TeBe denkt offenkundig über eine Schadenersatzklage gegen den DFB nach. 35 Millionen Mark, so hat der Verein geschätzt, gingen TeBe durch den Zwangsabstieg verlustig. Und Heinz Pietzsch, Mitglied im TeBe-Aufsichtsrat, hat sich entschlossen, aus Protest gegen die Haltung des Deutschen Fußball-Bundes "alle Auszeichnungen, die ich vom DFB bekommen habe, zurückzuschicken". Da wird der Postbote in der DFB-Zentrale in Frankfurt (Main) wohl bald ein umfangreiches Päckchen abzuliefern haben.

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