• Tennis-Bundestrainer Carsten Arriens im Interview: „Ich habe Philipp Kohlschreiber nicht rausgeschmissen“

Tennis-Bundestrainer Carsten Arriens im Interview : „Ich habe Philipp Kohlschreiber nicht rausgeschmissen“

Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht Carsten Arriens über Philipp Kohlschreiber, über deutsche Talente und den Tennis-Kongress in Berlin.

Angebot zur Versöhnung. Carsten Arriens (links) kann sich Philipp Kohlschreiber im Davis-Cup-Team vorstellen.
Angebot zur Versöhnung. Carsten Arriens (links) kann sich Philipp Kohlschreiber im Davis-Cup-Team vorstellen.Foto: Imago

Carsten Arriens, haben Sie Tennis-Vorsätze für 2015?

Ich wünsche mir natürlich eine erfolgreiche Davis-Cup-Saison. Im März gegen Frankreich in Frankfurt sind wir zwar Außenseiter, aber mit dem Heimvorteil eine große Überraschung zu schaffen, das ist das große Ziel.

Ist das alles?

Nein. Ich bin ja auch im Nachwuchsbereich tätig, und da wünsche ich mir, dass die gute Entwicklung erfolgreich weitergeht. Denn wir haben jetzt drei, vier Spieler, die sich gut machen.

Es gibt also mehrere vielversprechende männliche Talente?

Wir sind gerade in einer Übergangsphase. Ich glaube, in zwei bis drei Jahren wird es im deutschen Männertennis wieder richtig bergauf gehen. Mit Alexander Zverev – oder mit Masur, Marterer und Choinski. Alexander ist eine Stufe weiter, aber alle entwickeln sich hervorragend.

Zverev hat im Sommer stark gespielt und gilt als großer Hoffnungsträger. Wie schätzen Sie seine Chancen ein, Ende Januar bei den Australian Open zu überraschen?

Das ist schwer zu sagen. Ich bin gespannt auf ihn. Alexander wird sich in Sprüngen entwickeln und ich hoffe, dass dies in Melbourne zu sehen sein wird. Er ist einfach ein außergewöhnlicher Spieler.

Könnte er demnächst auch schon dem Davis-Cup-Team helfen?

Alle haben jetzt ihre Chance, sich ins Team zu spielen – auch Zverev. Florian Mayer ist noch nicht fit. Bei ihm wird es gegen Frankreich noch zu früh, das Gleiche gilt für Tommy Haas. Beide können in der zweiten Runde oder der Relegation sehr wichtig werden. Für das Team gegen Frankreich ist es nun ein offenes Rennen. Es gibt viele Kandidaten.

Gehört Philipp Kohlschreiber noch dazu, den Sie zuletzt nicht mehr berücksichtigt hatten? Und bewegen Sie noch die Ereignisse von Frankfurt, als gegen Spanien kein letztes Einzel gespielt werden konnte?

Philipp ist auch in diesem Kreis. Und was die Geschehnisse von Frankfurt angeht: Ich habe mich intensiv damit befasst, und wir haben uns innerhalb des Deutschen Tennis-Bunds gründlich darüber ausgetauscht. Mich haben die Geschehnisse lange beschäftigt. Wir haben getan, was wir tun können. Aber es ist jetzt abgeschlossen, und der Blick geht nach vorn.

Haben Sie noch Kontakt zu Kohlschreiber?

Ja, wir haben uns seitdem auf einigen Turnieren gesehen. Es wäre auch unnötig, sich aus dem Weg zu gehen. Wir grüßen uns freundlich und sprechen zwei, drei Sätze. Aber wir sind gerade dabei zu schauen, wie wir zukünftig in Bezug auf den Davis-Cup miteinander umgehen. Da steht noch ein Gespräch aus. Wir werden uns Zeit nehmen, unsere Sichtweisen austauschen, und sehen, was daraus entsteht.

Würden Sie Kohlschreiber noch mal eine Tür für das Davis-Cup-Team öffnen?

In den vergangenen Monaten gab es keinen Bedarf, darüber zu sprechen, weil kein Davis-Cup anstand. Ich bin mit allen Spielern in Kontakt – das gilt auch für Philipp. Es gab aber nun mal einige Vorfälle, deswegen habe ich ja auch gesagt, dass ich nicht mehr mit ihm plane. Aber das war kein Rausschmiss. Sondern ich sagte: Ich plane vorerst nicht mehr mit ihm. Jetzt geht es darum auszuloten, ob wir eine Lösung finden oder nicht.

In diese Personalie haben sich viele eingemischt. Sie mussten sich einiges anhören – auch von Boris Becker.

Was hat denn Boris gesagt, das habe ich nicht mitbekommen?

Er hat kritisiert, es müssten die besten Deutschen spielen und der Bundestrainer müsse Brücken bauen.

Ja, das ist auch in meinem Sinne. Deshalb spreche ich ja mit Philipp und gebe ihm die Gelegenheit, seine Sichtweise zu schildern. Das ist meine Aufgabe als Bundestrainer. Aber für eine gemeinsame Basis – auch für seine Position den anderen Davis-Cup-Spielern gegenüber – ist es wichtig, die Vergangenheit angemessen zu würdigen und zu besprechen.

Viel Aufregung gab es auch rund um die Wahlen zum neuen DTB-Präsidenten. Wie haben Sie die Diskussionen um Michael Stich erlebt, und was erhoffen Sie sich von Ulrich Klaus als neuem Präsidenten?

Ich fand es nicht gut, wie mit Ulrich Klaus umgegangen worden ist. Es schienen nur Stichs Ideen diskutiert zu werden. Man sollte Klaus und dem neuen Präsidium die Möglichkeit geben, Ideen zu entwickeln. Dann wird erkennbar sein, welcher Weg eingeschlagen wird. Und sicher war die Außendarstellung des DTB rund um die Wahl nicht optimal – da sind sich alle Beteiligten einig.

Als erster DTB-Termin in diesem Jahr steht von heute bis Sonntag in Berlin der Tenniskongress an. Sie werden dort auch Redner bei einem Workshop sein.

Zum Austausch und zur Weiterbildung sind solche Veranstaltungen ideal. Dazu trage ich gerne meinen Teil bei. So verstehe ich meine Rolle als Bundestrainer. Ich bin da ganz offen und spreche über die Herausforderungen eines Trainers. Ob nun im Umgang mit den Sportlern, die ja auch nicht immer so leicht zu handeln sind, oder mit den Eltern.

Was ist Ihnen dabei am wichtigsten?

Trainer haben einen schwierigen Stand. Das ist nicht unbedingt ein Job, der mit viel Ansehen verbunden ist – abgesehen von wenigen exklusiven Posten. Es gibt selten Rückendeckung für Trainer auf unteren Ebenen. Deswegen muss man als Coach wissen: Erfolgreiche, inspirierte Arbeit ist die beste Werbung für mich.

Was sind denn die größten Herausforderungen beim Umgang mit jungen Spielern und deren Eltern?

Heutzutage gibt es ein hohes Anspruchsdenken vonseiten der Eltern. Das ist berechtigt, aber auch oft sehr kritisch. Es wird viel gefordert und viel hinterfragt. Trainer brauchen mehr Vertrauen.

Es wird sich also zu sehr eingemischt?

Ja, das ist leider so. Es wäre gut, wenn Eltern auch mal loslassen könnten. Dann würden sie ihr Kind viel mehr unterstützen. Und von den jungen Athleten würden wir uns eher wünschen, dass sie mehr Eigenverantwortung mitbringen.

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