Sport : Tennis-Duell der Extreme

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London. Xavier Malisse saß auf seinem Stuhl, legte die linke Hand auf sein Herz und schloss die Augen. Auf der Tribüne schlug sein Stiefvater besorgt die Hände vor das Gesicht. Zehn Minuten lang hatte sich Malisse vom Turnierarzt wegen seiner Probleme behandeln lassen, doch die Schmerzen wollten nicht aufhören. Malisse spielte, aber nicht gut, verlor die ersten beiden Sätze. Er war geistig einfach nicht fit in diesem Halbfinale gegen den Argentinier David Nalbandian, zu sehr beschäftigte er sich mit seinem Körper. Dann aber kam der Regen und kurierte Malisse. Doch das war noch nicht alles.

Es war ein Halbfinale mit seltsamen Wendungen. Die eineinhalbstündige Unterbrechung heilte zwar die Herzschmerzen des Belgiers und brachte ihn zurück ins Spiel. Der 21-Jährige gewann im Anschluss an die Regenpause die nächsten beiden Sätze. Doch dann kam die Dunkelheit und rettete wiederum Nalbandian. Am nächsten Tag gewann der Argentinier den fünften Satz und steht nach dem 7:6, 6:4, 1:6, 2:6, 6:2 vollkommen überraschend im Finale von Wimbledon gegen den Weltranglistenersten Lleyton Hewitt. Der Mann aus Cordoba spielt zum ersten Mal überhaupt ein Rasenturnier. Als Highlight seiner Karriere stand bislang eine Finalteilnahme in Palermo zu Buche. In Wimbledon beeindruckt der 20-Jährige durch seine Unbekümmertheit. Auch von dem Drama um Malisse hatte er sich nicht beirren lassen und zog als erster Spieler in der 125-jährigen Geschichte des Turniers bei seinem Wimbledon-Debüt ins Finale ein.

Die eineinhalbstündige Regenpause hatte der Belgier genutzt, um bei seinem Hausarzt anzurufen und ihm die Symptome zu beschreiben. Dieser beruhigte ihn und erklärte, dass seine Herzschmerzen durch Stress und Nervosität bedingt waren. „Ich war einfach zu angespannt, das war alles“, sagte Malisse. Das Telefonat hatte ihn verwandelt, er gewann die folgenden Sätze souverän und hätte wohl auch das Match gewonnen, wenn nicht die Dunkelheit gekommen wäre.

Die Probleme hatten im ersten Satz begonnen, als Malisse plötzlich wortlos vom Platz ging. Nalbandian saß einsam auf seinem Stuhl und wunderte sich. „Wo ist er hingegangen?“, fragte er den Schiedsrichter. Der zuckte nur mit den Schultern. „Wann kommt er zurück?“ Auch darauf wusste der Schiedsrichter keine Antwort. Später fragte der Argentinier, ob dem Referee bewusst sei, wie lange sein Gegner schon verschwunden ist. Die Regeln erlauben nur eine Behandlungszeit von drei Minuten. Doch als Malisse nach zehn Minuten wieder erschien und sich einfach an die Grundlinie stellte, ging die Partie ohne Konsequenzen für ihn weiter. Es stellte sich heraus, dass er nach dem Turnierarzt Tudor Miles gerufen hatte, der jedoch einige Zeit benötigt hatte, um zum Platz zu kommen. Die reine Behandlungszeit hatte drei Minuten nicht überschritten.

Bereits vor 18 Monaten hatte Malisse Herzschmerzen gehabt. Die Anspannung vor seinem ersten Halbfinale in Wimbledon war wohl die Ursache für die neuerlichen Probleme. Am nächsten Tag sagte der 35. der Weltrangliste: „Ich fühle mich gut und habe keine Schmerzen mehr.“ Trotzdem konnte er nicht an die Leistung vom Vortag anschließen. Zwar gelang ihm im fünften Satz noch ein Break zum 2:1, doch Nalbandian schaffte das Rebreak und gewann auch die nächsten vier Spiele. Als der Argentinier seinen ersten Matchball genutzt hatte, sank er auf die Knie und riss die Arme in die Höhe. Das Drama hatte ein Ende. Benedikt Voigt

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