Tennis : Ein Mann für fünf Stunden

Es war die zweitlängste Partie der Turniergeschichte, und Rainer Schüttler hatte das bessere Ende für sich. Der 32-Jährige steht im Wimbledon-Halbfinale – als erster deutscher Spieler seit Michael Stich 1997.

Petra Philippsen
Schuettler Foto: dpa
Rainer Schüttler gelang die Sensation. -Foto: dpa

LondonAls es der Return von Arnaud Clement nicht mehr über das Netz schaffte, war Rainer Schüttler endlich erlöst. Er riss die Arme in die Höhe, verharrte aber dabei und schaute ein wenig ungläubig hinauf zu seinem Anhang auf der Tribüne. Ganz so, als wollte er sich bei seinen Trainern Dirk Hordorff und Jan Stoces versichern, dass nicht alles bloße Einbildung gewesen war.

Doch Schüttler durfte jubeln, denn geträumt hatte der 32-Jährige Hesse seinen ersten Einzug ins Halbfinale von Wimbledon keineswegs. Vielmehr bestätigte ihm auch das Ergebnis der Anzeigetafel, dass er Clement mit 6:3, 5:7, 7:6, 6:7 und 8:6 nach 5:12 Stunden Spielzeit bezwungen hatte. Mit ihrem Marathon, der beiden Kontrahenten alles abverlangt hatte, egalisierten sie die zweitlängste Partie der Turniergeschichte. Am Mittwochabend um 19.05 Uhr Londoner Ortszeit begann das Viertelfinale, um 18.27 Uhr am Tag darauf zog Schüttler als erster deutscher Spieler seit Michael Stich 1997 in die Vorschlussrunde von Wimbledon ein. „Das war eines meiner verrücktesten Matches. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so lange, mit so vielen Unterbrechungen und so viele ungenutzten und abgewehrten Breakbällen gespielt zu haben“, freute sich Schüttler.

Sie wussten beide, dass die Chance, ihr erstes Halbfinale in Wimbledon zu erreichen, wohl nie größer gewesen war. Schüttler als 94. und Clement gar als 145. der Weltrangliste hatten sich beim wichtigsten Turnier der Welt bis in die Runde der letzten Acht vorgekämpft, und das als älteste und am tiefsten platzierte Spieler. Niemand brauchte ihnen zu sagen, dass es vermutlich auch die letzte Chance in ihrer Karriere sein würde. Diese Anspannung war beiden deutlich anzumerken und der Spielverlauf tat sein Übrigens, um ihre Emotionen konstant in Wallung zu bringen. Aber gleichermaßen schienen beide auch durch dieses Wissen um die einmalige Gelegenheit seltsam gelähmt zu sein.

Weder Schüttler noch Clement gelang es, sich einen klaren Vorsprung herauszuarbeiten und so war bis zum Ende unklar, wer von beiden den Platz als Sieger verlassen würde. Im ersten Satz schien zunächst Schüttler zu dominieren, doch Clement bestätigte seinen Ruf als einer der hartnäckigsten Gegner. Er nervte Schüttler damit, dass er fast jeden Ball wieder zurückspielte. Und so gab er auch im zweiten Durchgang selbst nach Rückstand nicht auf, nahm Schüttler den Aufschlag zum 7:5 ab. Die fortgeschrittene Dämmerung zwang den Schiedsrichter nach einer Stunde und 40 Minuten zu einer Unterbrechung, auch wenn Schüttler eigentlich weiterspielen wollte: „Ich verliere damit meinen Rhythmus und man weiß nie, wie man nach einer Pause wieder ins Spiel kommt.“

Tatsächlich gelang das Schüttler tags darauf nicht sonderlich gut, schnell lag Clement mit 4:1 im dritten Satz vorne. Doch auch der Hesse kämpfte und schaffte es in den Tiebreak. Dort lag er bereits mit 6:0 in Führung, hatte also sechs Satzbälle, konnte jedoch keinen für sich nutzen. Innerlich hatte er die 2:0-Satzführung schon für sich verbucht, gab Schüttler später zu, doch Clement brachte ihm durch einen Doppelfehler die siebte Chance, die er sich per Ass nicht mehr nehmen ließ.

Eine 20-minütige Regenpause zu Beginn des fünften Satzes brachte vor allem Schüttler die nötige Abkühlung, der sich im Matchverlauf erneut in lautstarke Selbstbeschimpfungen verstrickt hatte. Die Nervenbelastung sollte sich jedoch nicht verbessern, denn beim Stand von 4:5 sah er sich einem Matchball gegenüber. „Da hätte schon alles vorbei sein können“, sagte Schüttler, „aber der Glaube hat mich angetrieben.“

Darin bestärkten ihn auch seine Trainer während der nächsten 75-minütigen Regenunterbrechung, die für Schüttler zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt kam, als er gerade zwei Breakbälle zum 7:6 nicht nutzen konnte. „Ich hab ganz schön geschrieen in der Umkleide. Aber so habe ich auch die nötige Spannung gehalten“, erklärte Schüttler. Und es hatte Wirkung gezeigt. „Das ist wirklich Balsam für meine Seele“, sagte er, als er den dritten Matchball verwandelt hatte, „nachdem es so lange schlecht lief bei mir. Das Match gegen Nadal ist jetzt nur noch Bonus, ich werde es einfach genießen.“ Mit Rafael Nadal wartet auf Schüttler der Weltranglistenzweite und Titelanwärter im Halbfinale.

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