Tennis : Eine Krise namens Rafael

Roger Federer kann Rafael Nadal nicht mehr besiegen.

Anke Myrrhe[Melbourne]
Nadal
Sieger Nadal umarmt den weinenden Roger Federer. -Foto: AFP

Diese Szene wird die Tenniswelt so schnell nicht vergessen. Mehr noch als das atemberaubende Finale, das sich Roger Federer und Rafael Nadal zuvor über knapp viereinhalb Stunden geliefert hatten, werden die Tränen des Roger Federer in Erinnerung bleiben. Am Montagmorgen kurz nach Mitternacht stand einer der größten Sportler aller Zeiten weinend auf der provisorischen Bühne der Rod-Laver-Arena und rang nach Worten. Der Besiegte ließ sich vom Sieger trösten, der sich sichtlich ergriffen nicht einmal traute, seinen Triumph auszukosten. Federer hatte das Finale der Australian Open verloren. Doch seine Tränen hatten tiefer liegende Hintergründe.

„Du bist einer der Besten, den es je gab“, sagte Nadal. „Du wirst den Rekord von Pete Sampras ganz sicher verbessern.“ Die Zahl vierzehn, jener Grand-Slam-Rekord des Amerikaners, war es, von dem in Melbourne alles sprach. Federer hätte ihn mit einem Sieg über Nadal am Sonntag egalisieren können. Zum Beginn des vergangenen Jahres noch war sich die Fachwelt einig, dass Sampras‘ Rekord in sehr naher Zukunft fallen würde. „Roger wird ihn brechen, es ist nur die Frage wann“, sagte Sampras selbst.

Doch 2008 wurde das Jahr der Krise des Roger Federer. Erst verlor er in Melbourne im Halbfinale gegen Novak Djokovic, wie sich später herausstellte geschwächt durch Pfeiffersches Drüsenfieber. Es folgten die bittere Final-Niederlage in Paris und die noch bitterere in Wimbledon. Erst bei den US Open gelang Federer der dreizehnte Titel. „Der Mann stand letztes Jahr in einem Halbfinale, zwei Endspielen und hat einen Titel gewonnen – und die Leute sagen er habe eine Formkrise“, sagte der US-Amerikaner Andy Roddick, nachdem er sein Halbfinale gegen Federer verloren hatte. „Ich finde Roger verdient etwas mehr Respekt.“ Die Krise allerdings – und das wurde erst am Sonntagabend so richtig deutlich – bezog sich nicht darauf, dass Federer im vergangenen Jahr nur einen von vier möglichen Grand-Slam-Titeln gewonnen hat. Sie beschrieb eher den allgemeinen Eindruck, dass der Schweizer seine Rolle als Nummer eins dieses Sports nicht nur in der Weltrangliste verlor. Den einzigen Titel gewann der 27-Jährige im vergangenen Jahr in New York gegen Andy Murray, der zuvor den von Knieproblemen geplagten Rafael Nadal im Halbfinale aus dem Turnier geworfen hatte.

Federers Krise trägt seit Sonntag endgültig den Namen Rafael Nadal. Gegen ihn hat er fünf Spiele in Folge verloren, die letzten drei waren Grand-Slam-Finals. Die Tränen weinte Federer in aller Öffentlichkeit, weil Nadal nun auch die letzte Bastion des Schweizers erstürmt hat. In der Nacht und auf einem Hartplatz, wo Federer als besonders stark gilt, so dachten alle, werde er den Spanier besiegen. Die erneute Niederlage aber besiegelt den Generationswechsel im Tennis. Nadal hat es nun mit nur 22 Jahren geschafft, auf allen drei Belägen einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen – als erster Spieler seit André Agassi. Er ist der Grund, warum Federer jener vierzehnte Titel vielleicht nicht mehr gelingen wird. In der nächsten Zeit wird es wohl Rafael Nadal sein, der Fragen zur historischen Dimension seines Tuns beantworten muss.

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