Tennis : Federer ist fast schon unsterblich

Roger Federer macht sich durch seinen Wimbledon-Sieg zum wohl größten Tennisspieler aller Zeiten. Kaum ein anderer Profi hat seine Sportart jemals so dominiert wie Federer das Tennis in den vergangenen Jahren.

Christian Hönicke[London]
Federer
Roger Federer mit der Wimbledon-Trophäe. -Foto: dpa

Pete Sampras blinzelte kurz in Richtung Trophäe, einmal, zweimal. Dann traute er sich und fragte: „Darf ich sie noch einmal anfassen?“ Roger Federer streckte sie ihm entgegen: „Natürlich.“ So standen die beiden Tennislegenden da, quatschten ein bisschen über Aufschläge, Kinder und das anstehende Champions-Dinner, bei dem sich beide nach ihren zahllosen Erfolgen in Wimbledon schon so oft den Magen vollgeschlagen hatten. Der kurze Plausch war so etwas wie die offizielle Krönungszeremonie, bei der der alte König dem neuen das Zepter übergab. Denn mit seinem Sieg im Finale gegen den Amerikaner Andy Roddick hatte Federer nicht nur seinen sechsten Erfolg bei den All England Championships errungen, sondern auch seinen insgesamt 15. Grand-Slam-Titel überhaupt. Damit hängte er Sampras ab, mit dem er sich diesen Rekord bisher geteilt hatte. Der Amerikaner, der extra aus Kalifornien angereist war, um dabei zu sein, als ihn der Schweizer überholte, verkündete daraufhin mit salbungsvollen Worten: „Für mich ist Roger der Größte.“

Mit dieser Meinung war Sampras nicht allein. Nach dem irrwitzigen Aufschlagdrama über fünf Sätze, viereinviertel Stunden und über die meisten je gespielten Punkte in einem Grand-Slam-Finale, das Federer schließlich 5:7, 7:6 (8:6), 7:6 (7:5), 3:6, 16:14 gewann, waren sich fast alle Anwesenden einig, dass sie soeben dem größten Tennisspieler der Geschichte zugesehen hatten. Roddick war nach dem verrückten fünften Satz kaum ansprechbar, doch auf die Frage, ob er gerade vom besten aller Zeiten geschlagen worden war, antwortete er voller Inbrunst: „Yeah!“

Tatsächlich hat kaum ein anderer Profi seine Sportart jemals so dominiert wie Federer das Tennis in den vergangenen Jahren. Seit seinem ersten Erfolg 2003 in Wimbledon hat er 15 von 25 Grand- Slam-Turnieren für sich entschieden und war fast durchgängig die Nummer eins der Weltrangliste. Nachdem ihn der Spanier Rafael Nadal im vergangenen Jahr an gleicher Stelle von dieser Position verdrängt hatte, kehrte er nun wieder an die Spitze der Welt zurück. Auch Nadals verletzungsbedingte Abwesenheit schmälerte Federers Freude nicht: „Er war verletzt, und das ist nicht der Fehler des Siegers. Aber natürlich hätte ich gern gegen Rafa gespielt.“

Der Respekt vor seinen Gegnern und die Freude am Tennis ist Federer allen Triumphen zum Trotz bis heute nicht abhanden gekommen. Genauso wenig wie die Fähigkeit, sich selbst zu überraschen: „Ich hätte nie gedacht, dass ich ein so großartiger Spieler mit so vielen Qualitäten werden würde.“

Als der völlig zerstörte Roddick zu diesen Qualitäten befragt wurde, entgegnete er nur: „Keine Ahnung, wo soll ich anfangen?“ Etwa mit Federers einzigartigem Handgelenk, das aus den unmöglichsten Winkeln die gefühlvollsten Schläge ermöglicht. Mit seiner Athletik, die ihn auch im fünften Satz noch scheinbar mühelos über den Platz schweben lässt. Mit seiner akribischen Vorbereitung, die jedes Detail seiner Gegner analysiert. Die größte Qualität aber fasste Sampras in einem Satz zusammen: „Er hat den Glauben.“ Tatsächlich ist es wohl vor allem Federers mentale Stärke, die ihn in Richtung Unsterblichkeit trägt. Wie ein Drahtseilartist verliert er auch dann nicht die Nerven, wenn die Fallhöhe unerträglich scheint. Bei den French Open war er gegen Thomas Haas schon fast ausgeschieden, doch dann knallte er mit unerschütterlicher Selbstsicherheit eine Vorhand auf die Linie, wendete den 0:2-Satzrückstand noch in einen Sieg und gewann das Turnier. Gegen Roddick hatte er am Sonntag den ersten Durchgang verloren und im Tiebreak des zweiten vier Satzbälle gegen sich. Stoisch wehrte Federer alle ab.

„Es sieht bei ihm immer so leicht aus“, murmelte Roddick, „er hatte wirklich Probleme mit meinem Aufschlag, aber er hat dir nicht mal das kleinste Anzeichen dafür gegeben, dass ihn das frustriert. Er ist einfach auf Kurs geblieben.“ Nur in einem Moment war Roger Federer kurz davor, die Fassung zu verlieren. „Als Pete auf den Centre-Court kam, wurde ich ein bisschen nervös. Ich habe sogar Hallo zu ihm gesagt, was ungewöhnlich ist. Aber ich wollte nicht unhöflich sein.“ Aber auch diese kurze Schwächephase überwand der 27-Jährige, so dass Pete Sampras nach dem Match im Namen aller feststellen durfte: „Roger könnte 18 oder 19 Titel gewinnen, er ist eine Legende, eine Ikone.“

Nur einer wollte sich dieser Sichtweise partout nicht anschließen – Federer selbst. „Eine Legende ist man erst, wenn man aufgehört hat zu spielen“, erklärte er. Und zum Leidwesen seiner Gegner wird es wohl noch ein wenig dauern, bis er diesen Status erreicht. Zwar lägen seine Prioritäten in der allernächsten Zeit angesichts seiner hochschwangeren Frau Mirka erst mal nicht beim Tennis. „Aber ich habe Mirka auch versprochen, dass unsere Kinder mich auf dem Tennisplatz sehen werden.“ Dann grinste er. „Ich werde also wohl noch einige Jahre spielen müssen.“

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