Sport : Tennis: Guga-Mania im Schwabenland

Jürgen Roos

Wenn Gustavo Kuerten gewonnen hat, schert er sich wenig um die Kleiderordnung. Dann kommt er in Shorts und Badelatschen, setzt sich vor die Presse und lacht. Wenn er etwas gefragt wird, fummelt er sich an Schultern und Oberarmen herum. Wenn er antwortet, fummelt er weiter - so lange, bis es keine Fragen mehr gibt. Noch ein kurzes Lachen in die Kamera des brasilianischen Fernsehens, Abgang. Draußen warten die Fans auf ihre Autogramme. Weil Gustavo Kuerten ein bisschen schreibfaul ist, kritzelt er überall nur "Guga" hin. Diesen Spitznamen tragen in Brasilien fast alle Gustavos. So ähnlich wie in Deutschland fast alle Antons Toni genannt werden.

Guga also. Der Mann ist beim Tennisturnier auf dem Stuttgarter Weissenhof der absolute Star. Der 24-Jährige hat vor ein paar Wochen zum dritten Mal die French Open in Paris gewonnen und gilt zurzeit als der beste Sandplatz-Tennisspieler der Welt. Gut für das Turnier in Stuttgart. Schlecht für seine Konkurrenten. Wenn der Brasilianer den Ball richtig erwischt, zischt der übers Netz und unerreichbar an den Gegnern vorbei. Punkt Kuerten. Viermal war das auf dem Weissenhof so, nur bei seinem Dreisatzsieg gegen den Tschechen Jiri Novak gestern im Halbfinale hatte Kuerten Mühe. Im Finale trifft er heute auf den Argentinier Guillermo Canas.

Wenn einer auf dem Platz überlegen ist, lässt sich das meistens ziemlich einfach erklären. Mit biomechanischen Werten, Aufschlaggeschwindigkeiten, mentaler Stärke. Aber warum kommt einer bei den Leuten so gut an? "Wie er sich verkauft, darauf haben wir keinen Einfluss", sagt der Stuttgarter Turnierdirektor Bernd Nusch, "wir müssen nur dafür sorgen, dass er einwandfreie Arbeitsbedingungen hat." Die Inszenierung begann, als schon nach der ersten Runde alle deutschen Spieler aus dem Rennen waren. Und wenn die Stimmung nicht stimmte, war immer jemand da, der etwas nachhalf. Ein Fotograf initierte eine Mini-La-Ola, um die Begeisterung für den Brasilianer auf seine Platte zu bannen. Und der Kameramann vom Regionalfernsehen stiftete die jugendlichen Fans zu rhythmischen Guga-Rufen an. Die Wirklichkeit war das nicht. Aber wen interessiert schon die Wirklichkeit, wenn ein Held gesucht wird? Kuerten stand grinsend dabei. Er konnte ja nichts dafür.

Und die Oma. 79-jährig, noch reichlich rüstig, der größte Fan ihres Enkels und vor allem: in Deutschland geboren. In Stuttgart bekam Olga Schlösser mehr Schlagzeilen als jeder von Kuertens Mitspielern. "Eine ganz goldige Frau", sagt Turnierdirektor Nusch, "ihretwegen sehen die Leute Kuerten als halben Deutschen an." Als ob gutes Tennis zwangsläufig irgendetwas mit Deutschland zu tun haben muss. Über Olga Schlösser brach das öffentliche Interesse ziemlich unerwartet herein - und nach vier Tagen war sie so erschöpft, dass sie alle Interviewwünsche dankend ablehnte. Die unerwartete Herzlichkeit im harten Business war es, die diese Geschichte so spannend machte. "Ciao Oma", sagte Gustavo Kuerten, als er seine Großmutter bei einer Pressekonferenz entdeckt hatte. Damals, als Kuerten acht Jahre alt war und plötzlich sein Vater starb, da hatte Olga Schlösser begonnen, ihm die Trainerstunden zu bezahlen. Ohne Oma kein Kuerten, das war die Botschaft.

Nach dieser Woche ist Kuerten in Stuttgart Kult. Für die Experten hat der Brasilianer neben Sampras und Agassi längst seinen festen Platz im Männertennis erobert. "Er hat Charisma und spielt bestes Tennis", sagt Turnierdirektor Nusch, "es wäre ganz schlimm für diesen Sport, wenn es einen wie ihn nicht mehr gäbe." Nur wenige erinnerten sich, dass es den charismatischen Kuerten schon länger gibt in der Gegend. Vor ein paar Jahren war der Brasilianer wenige Kilometer weiter in Alpirsbach bei den "Black Forest Open" früh ausgeschieden. Mit ein paar hundert Dollar in der Tasche, hatte er damals nur ein Problem: "Wie komme ich am schnellsten nach Stuttgart?" In dieser Woche ist er dort als Star angekommen.

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