Tennis : Hotel Gastfamilie

Angelika Roesch ist Statistin im Tenniszirkus. Ihren Ranglistenplatz sieht sie als „Tragödie“

Frank Bachner

Berlin - Sie muss nur die erste Runde überstehen, wenigstens die. Dann hätte sie schon 5000 Dollar gewonnen. Das ist ziemlich viel Geld für den Tennisprofi Angelika Roesch. In der Nacht zum Mittwoch hat sie ihr erstes Spiel bei der Qualifikation zu den US Open in New York, dem Grand-Slam-Turnier, ihre Chance zum Geldverdienen. Aber bevor sie abflog, da knurrte die 30-Jährige: „Mir reicht’s wieder, ich bin nicht motiviert.“

Sie hatte gerade in Stanford gespielt: zweite Runde raus; dann in San Diego: zweite Runde raus; dann in Los Angeles: erste Runde raus. Und dann musste sie in New York auch noch im Interconti einbuchen, 100 Dollar die Nacht. Die Spielerhotels mit den Spezialpreisen waren schon ausgebucht. Natürlich teilt sie das Zimmer mit einer Spielerin, das ist billiger. Und von den 5000 Dollar müsste sie auch noch die Steuer abziehen und die Flugkosten. Bleiben rund 2000 Dollar. Immer noch viel Geld für die Rechtshänderin Rösch. Bei Turnieren, die sie sonst spielt, kassiert die Siegerin 900 Dollar.

Angelika Roesch aus Berlin ist die Nummer 205 der Weltrangliste.

Platz 205, das ist Statistik im Tenniszirkus, das sind Auftritte im Nirgendwo. Das sind Spiele bei 25 000-Dollarturnieren, „bei denen die Physiotherapeuten schrecklich sind und keine Ahnung haben“ (Roesch). Und wenn man sich für diese Provinzturniere auch noch qualifizieren muss, ist es „das Allerletzte, ein Alptraum“. Rang 205, das ist die Schattenseite des Profitennis. Dort unten ist man Teil einer grauen, gesichtslosen Masse der Namenlosen. Ob man auf 380 steht oder 216, sagt Roesch, „ist kein Unterschied.“ Für sie ist jeder Platz schlechter als 200 sowieso „eine Tragödie“. Erst ab Platz 50, sagt sie, „lebt man gut“.

Da im Tennis niemand dafür sorgt, dass sie auch gut lebt, belohnt sie sich selber. Sie hat für sich eine Grenze gezogen, die sie nicht unterschreitet. Es geht dabei um Würde und Selbstachtung. Die 30-Jährige geht „nicht mehr in Absteigen, die einfach nur am billigsten sind“. Früher ging das, da hatte sie in Kiew ein Hotel, durch das Kakerlaken krabbelten.

Aber oft genug lebt sie jetzt sowieso bei Gastfamilien, bei freier Kost und Logis. „Ich muss nur Kommunikation machen“, sagt Roesch. Housing nennt man das, Housing ist für die Nobodys, denen kein Veranstalter Hotel und Flug bezahlt. Ihre Lieblingsfamilie lebt in Palm Springs, USA. Angelika Roesch wohnt bei ihr, wenn sie in Indian Wells spielt.

Dass sie schon einmal im „Hotel Moskau“ kostenlos wohnen durfte, war eine Ausnahme. Das „Moskau“ ist das einzige Hotel in Zlin, Tschechien, und der Veranstalter war im Frühjahr großzügig. Roesch war nach einer sechsstündigen Zugfahrt angereist und hielt bis zum Viertelfinale durch. Es war ein 50 000-Dollar-Turnier, sie kassierte 1000 Dollar. In Grado, Italien, kam sie sogar ins Finale, aber sie fuhr mit 900 Dollar ab. Grado ist ein 25 000-Dollar-Turnier. „Da darfst Du gar nicht ans Geld denken“, sagt sie. Angelika Roesch lebt vor allem von ihrem Ersparten und der Gage des TC Augsburg. Zu dem wechselte sie von Rot-Weiß Berlin, ihrem Heimatklub.

Die Stationen ihres sportlichen Turnierlebens heißen Padua, Zlin, Biella, Cueno – Symbole der Drittklassigkeit. Aber jeden diesen Orte stuft Roesch als Durchgangsstation auf dem Weg nach oben ein, anders würde sie das alles nicht ertragen. Jeder Auftritt bei einem Provinzturnier bedeutet für sie auch eine Form von Demütigung. Denn Angelika Roesch ist nicht einfach nur unten, sie ist tief gestürzt. Die 30-Jährige war mal Nummer 69 der Weltrangliste und Nummer eins in Deutschland. Sie war auf dem Weg nach oben, so empfand sie es, und viele sagten es ihr. Dreimal besiegte sie 2002 die Russin Elena Dementjewa, die schon damals unter den Top 20 war. Es war die Zeit der Freiflüge und der kostenlosen Hotels, die Zeit, in der andere in der grauen, gesichtlosen Masse steckten. Angelika Roesch, Profi seit 1996, fühlte sich einfach nur gut. Doch dann bekam sie Probleme mit ihrem neuen Trainer und ihren Nerven, und dann stürzte sie.

Sie stürzte, 2005, bis auf Rang 380. Da war sie kurz vor dem Aufgeben. Es gab Leute, die ihr zuredeten und sie motivierten, härter zu arbeiten. Nur ist sie seither nicht wirklich nach oben gekommen. Aber die 30-Jährige gibt nicht auf, weil sie sich an einen Satz klammert wie an einen Rettungsring: „Ich kann mit meiner Stärke unter die Top 100 kommen.“

Der Satz lässt sie die kleinen, gefühlten Demütigungen außerhalb des Platzes einigermaßen ertragen. Den Umstand zum Beispiel, dass ihr Ausrüster seit 2005 keine Kleider mehr liefert. Sie hat mal erfolglos nachgefragt und dann aufgegeben, weil sie vor sich und der Firma nicht völlig wie eine Bettlerin dastehen wollte. Sicher, Schläger und Taschen erhält sie weiter, aber das ist keine wirkliche Anerkennung. „Die bekommt man immer.“

Es gibt ein anderes Zeichen der Anerkennung, eine kleine Botschaft des Respekts, unabhängig von ihrer Platzierung in der Weltrangliste. Angelika Roesch sagt lächelnd, dass sie jeden Tag Autogrammwünsche bekommt.

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