Tennis : Liebling Schnarchnase

Mit einem Sieg in Melbourne kann Li Na in ihrer Heimat China einen Tennisboom auslösen.

Petra Philippsen, Melbourne
Unausgeschlafen. Li Na setzte sich trotz einiger nächtlicher Probleme durch. Foto: dpa
Unausgeschlafen. Li Na setzte sich trotz einiger nächtlicher Probleme durch. Foto: dpaFoto: dpa

Die Voraussetzungen waren nicht gerade ideal. Li Na wollte eigentlich frisch und ausgeruht zu ihrem Halbfinale bei den Australian Open antreten, doch an erholsame Nachtruhe war für die Chinesin nicht zu denken. „Mein Mann hat die ganze Nacht geschnarcht“, erzählte die 28-Jährige, „ich bin jede Stunde aufgewacht. Mann, war ich sauer.“ Doch auf dem Center Court des Melbourne Parks wachte sie gerade noch rechtzeitig auf, um die Weltranglistenerste Caroline Wozniacki zu bezwingen. Nun steht sie als erste Chinesin am heutigen Samstag im Endspiel eines Grand-Slam-Turniers (9.30 Uhr, live auf Eurosport). „Das ist toll“, sagte Li, „für meine Karriere und vielleicht auch für das Tennis in China.“

Vor einem Jahr stand Li bereits mit Jie Zheng im Doppel-Halbfinale von Melbourne, als erste Chinesinnen überhaupt. „Ich bin bei allem immer die Erste“, sagte Li lachend. Als Sun Tiantian und Li Ting 2004 olympisches Doppel-Gold gewannen, holte sie ihren ersten Turniersieg auf der Damentour. Zwei Jahre später stand Li bereits unter den besten 20 der Welt, 2010 schaffte sie es in die Top Ten.

Lange hatte es im Halbfinale beim 3:6, 7:5 und 6:3 nicht danach ausgesehen, als würde ihr der historische Coup noch gelingen. Wozniacki gab mit ihren harten, langen Grundschlägen zunächst den Ton an. Beim Stand von 5:4 im zweiten Satz hatte sie gar Matchball, vergab diesen jedoch. „Nach dem Matchball dachte ich: Vielleicht habe ich ja doch eine Chance“, sagte Li. Sie sollte sie nutzen, auch wenn es ein zähes Ringen wurde. „Sie hat den wichtigsten Punkt gewonnen – den letzten“, sagte Wozniacki enttäuscht.

Li hat sich den Erfolg hart erarbeitet. Denn vom chinesischen Tennisverband hatte sie nichts zu erwarten, im Gegenteil. Den Löwenanteil jeglicher Preisgelder musste sie abführen. Mittlerweile sind es zwar nur noch zwölf Prozent, doch die Gegenleistungen des Verbandes bleiben weiter aus. Daher suchte Li früh die Unterstützung von ausländischen Trainern. Besonders Thomas Hogstedt, der ehemalige Coach von Thomas Haas, hatte sie weitergebracht. Li ist nun im elften Match in Folge ungeschlagen. Im Finale von Sydney lag sie gegen Kim Clijsters im ersten Satz schon 0:5 zurück und drehte die Partie noch. Am Samstag wartet wieder die Belgierin im Endspiel. „Ich habe nichts zu verlieren“, sagte Li.

Gewinnen kann Li dagegen einiges, denn mit einem Sieg würde sie vermutlich einen Boom auslösen, wie einst Björn Borg in Schweden oder Boris Becker in Deutschland. Auch wenn derzeit Badminton und Tischtennis in China beliebter sind, so zeigte doch das Beispiel von Yao Ming, dem Center der Houston Rockets in der nordamerikanischen Basketballliga NBA, wie schnell der Personenkult im Reich der Mitte funktioniert. Und den lukrativen chinesischen Markt weiter zu erobern, käme auch den Verantwortlichen der Tennis-Tour sehr entgegen. Li hatte allerdings vor dem Finale andere Gedanken. „In der Nacht sperre ich meinen Mann im Badezimmer ein.“

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