Tennis : Lisicki steht im Halbfinale von Wimbledon

Sabine Lisicki hat in Wimbledon gegen die Französin Marion Bartoli die nächste Überraschung geschafft. Als erste Deutsche seit Steffi Grafs letztem Aufschlag an der Church Road vor zwölf Jahren steht die Berlinerin im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers.

Petra Philippsen
Mit Faust und Schläger. Sabine Lisicki zeigte eine kämpferisch wie spielerisch starke Leistung.
Mit Faust und Schläger. Sabine Lisicki zeigte eine kämpferisch wie spielerisch starke Leistung.Foto: dpa

Ein schweres Unwetter zog über den All England Club hinweg, die Blitze zuckten am Himmel und der Donner grollte immer wieder bedrohlich bis unter das Dach des Centre Courts. Der Regen prasselte so laut auf die flexible Glasfaserkonstruktion, dass teilweise gar das Plopp-Geräusch der Bälle übertönt wurde. Doch an diesem Nachmittag gab es nichts, das Sabine Lisicki Furcht einflößen konnte. Keine Naturgewalten und auch nicht die wuchtige Gegenwehr, mit der ihr Marion Bartoli im Viertelfinale von Wimbledon begegnete. Die französische Weltranglistenneunte spielt mit der wohl unorthodoxesten Technik im Damentennis, jedoch mit der gleichen verbissenen Willenskraft, wie es Lisicki tut. Aber die 21 Jahre alte Berlinerin wollte diesen Sieg so sehr, wollte unbedingt zum ersten Mal das Halbfinale beim wichtigsten Turnier der Welt erreichen. Und sie schaffte es, machte mit dem 6:4, 6:7 und 6:1-Sieg den größten Erfolg ihrer jungen Karriere perfekt. Als beim vierten Matchball die Rückhand von Bartoli im Netz landete, schrie Lisicki vor Freude auf und reckte ihre Fäuste gen Himmel. „Ich bin einfach sprachlos“, sagte Lisicki, „ich kann es überhaupt nicht glauben. Aber ich war die bessere Spielerin heute.“ Sie ist nach der Chinesin Zheng Jie 2008 erst die zweite Spielerin, die es in Wimbledon mit einer Wild Card ins Halbfinale geschafft hat.

Lisicki hatte einen furiosen Start hingelegt, die ersten sechs Punkte der Partie erzielt und Bartoli mit ihrer Schlaghärte nahezu überrumpelt. Doch es entwickelte sich ein enger Schlagabtausch auf hohem Niveau, bei dem Lisicki nach dem schnellen Rebreak wieder in Führung ging und mehr und mehr die Ballwechsel diktierte. Ihre Aufschläge schnellten mit fast 200 km/h ins Feld, und sie hämmerte insgesamt viermal so viele Winner ins Feld wie Bartoli. Lisicki variierte ihr Spiel, streute vor allem kluge Stoppbälle ein, die selbst die flinke Französin nicht mehr erlaufen konnte. Es war Lisicki, die sie zunehmend frustrieren konnte, obwohl es sonst Bartoli ist, die ihre Gegnerinnen mit ihrem stetigen Gezappel zwischen den Ballwechseln aus der Ruhe bringt.

Doch Lisicki spielte abgeklärt weiter, wollte auch unbedingt Revanche nehmen für ihre erste Begegnung. Denn Bartoli vermieste ihr 2008 das Wimbledon-Debüt gründlich. „Paniert“ habe die Französin sie damals, sagte Lisicki. Doch dass sie mit der unerfahrenen Spielerin von einst nicht mehr viel gemein hat, untermauerte die Berlinerin in diesen Tagen eindrucksvoll. Schon bei ihrem Sieg über die French-Open-Siegerin Li Na hatte Lisicki bewiesen, dass sie weder große Namen noch große Plätze nervös machten. Im Gegenteil, sie spielt bei diesen Gelegenheiten besser denn je. Bartoli bekam das einen Tag, nachdem sie die Titelverteidigerin Serena Williams niedergekämpft hatte, in aller Härte zu spüren. Nur bei ihren ersten drei Matchbällen im zweiten Satz zitterte Lisicki kurz der Arm, den dritten Durchgang aber dominierte sie von Anfang bis Ende.

„Ich habe hart gearbeitet, um es so weit zu bringen, jedes weitere Match ist nur noch ein Geschenk“, hatte Lisicki vor der Partie gesagt. Doch dass sie schon immer ganz nach oben wollte, hat sie nie verhehlt. Ihr unbändiger Wille ließ sie schon die lange Verletzungszeit im letzten Jahr überstehen und führte Lisicki nun geradewegs ins Halbfinale von Wimbledon. Steffi Graf war 1999 die letzte Deutsche gewesen, die es im All England Club so weit gebracht hatte. Für Lisicki ist es aber sicher erst der Anfang, und vielleicht auch in Wimbledon nur eine Zwischenstation. Sie trifft nun entweder auf die Russin Maria Scharapowa oder die Dominika Cibulkova aus der Slowakei (nach Redaktionsschluss beendet).

Selbst wenn es dieses Mal noch nicht zum ganz großen Coup reichen sollte, so scheinen Sabine Lisicki zumindest alle Optionen offen zu stehen.

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