Tennis : Noch mal mit mehr Reife

Erst Clijsters, jetzt Henin – nach frühem Karriereende wagen Tennisspielerinnen nun den Weg zurück

Anke Myrrhe
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Neue Perspektive. Die Belgierin Justine Henin hat wieder die Lust am Tennisspielen gefunden. Foto: dpaEFE FILES

Berlin - Als Kim Clijsters vor knapp zwei Wochen die große Trophäe der US Open in die New Yorker Luft reckte, saß eine ihrer ehemals größten Konkurrentinnen zu Hause vor dem Fernseher und staunte. Es ist nicht so, dass es allein dieser völlig unerwartete Grand-Slam-Titel der gerade erst auf die Tennistour zurückgekehrten Kim Clijsters war, der ihre belgische Landsfrau Justine Henin nun spontan auf die Idee gebracht hat, ihrer eigenen, äußerst erfolgreichen Karriere noch einen zweiten Anlauf zu geben. „Es war sicher nicht der Hauptgrund“, sagte Henin. Eine kleine Rolle im Unterbewusstsein wollte die 27-Jährige dem unglaublichen Comeback ihrer Landsfrau aber nicht absprechen, als sie am Dienstagabend im belgischen Fernsehen die seit Wochen schwelenden Gerüchte bestätigte: Auch Henin wird ab dem kommenden Jahr wieder Profitennis spielen.

Wenn es nicht Clijsters war, was war es dann? „Ich vermisse den Sport und den Wettkampf“, sagte Henin, die eine Rückkehr zuvor immer ausgeschlossen hatte. „Die kleine Flamme in mir, von der ich dachte, sie sei erloschen, ist wieder aufgeflammt.“ Aufgeregt und bewegt sei sie darüber, verkündete die nur 1,67 Meter große Belgierin, die mit ihrem Karriereende nur ein Jahr nach dem Rückzug von Clijsters im Mai 2008 das belgische Tennis in eine größere Krise gestürzt hatte.

Obgleich Henin damals die Weltranglistenerste und gerade mal 25 Jahren alt war, bezeichnete sie ihre Entscheidung als „definitiv und endgültig“. Nach beinahe zehn Jahren auf der Tennistour hatte sie die Lust verloren und freute sich auf ihr neues Leben abseits des Sports. „Ich wollte leben wie alle anderen, um endlich eine ganze Frau zu werden und mir zu beweisen, dass ich auch außerhalb des Tennis existieren kann“, sagt Henin.

Viele Spitzenspielerinnen empfinden das Leben als Profi heute als Problem. Als junge Mädchen, viel früher als ihre männlichen Kollegen, kommen sie auf die Tour, die meisten bereits mit 15 oder 16 Jahren. Sie haben kaum Zeit, eine Persönlichkeit abseits des Sports zu entwickeln. Und viele von ihnen haben dann bereits Anfang 20 das Bedürfnis nach mehr, fühlen sich ausgebrannt. Bei Clijsters war es vor allem der Wunsch, eine Familie zu gründen, der sie zum Rückzug trieb. Ana Ivanovic verabschiedete sich kürzlich mit nur 21 Jahren geplagt von Selbstzweifeln in eine Auszeit, um sich zu erholen. Bei vielen kommen bei einer extrem langen Saison körperliche Beschwerden hinzu.

Bei Justine Henin war es eher die mangelnde Motivation. Sie beendete ihre Karriere an der Spitze der Weltrangliste, an der sie insgesamt 117 Wochen gestanden hatte. Mit 25 Jahren hatte sie nahezu alles erreicht – aber eben nicht alles, wie sie jetzt zugibt. Es ist auch der fehlende Wimbledontitel, den sie als einzigen der vier Majors trotz zweier Finalteilnahmen nicht gewinnen konnte, der die extrem ehrgeizige Henin wurmte.

Bereut hat sie ihre Entscheidung dennoch nie. „Ich brauchte diese Auszeit, um mich selbst zu finden“, sagt Henin. „Nun brauche ich wieder neue Herausforderungen.“ Denn was sie in den 16 Monaten ihrer Abwesenheit vor allem gelernt habe, ist, dass sie nicht der Typ für das ruhige Leben ist, das sie einst suchte. „Das war vielleicht ein Fehler“, gibt sie nun zu. „Ich hätte wissen müssen, dass ich das nicht bin. Ich brauche das Adrenalin.“

Wenn sich auch in Henins Privatleben nicht so viel geändert hat wie bei Clijsters, die mit einer Tochter zurückkehrte, spricht auch Henin davon, als ein neuer Mensch wiederzukommen. „Es ist eine ganz neue Karriere“, sagt sie, ähnlich wie Clijsters. Die zeichnete sich bei ihrem Triumph in New York vor allem durch eine unglaubliche Gelassenheit und Ausgeglichenheit aus, die gerade den jungen Mädchen fehlt. Angetrieben von einem immer früher erreichten Erfolg vergessen viele von ihnen, sich um ihr Leben außerhalb des Sports zu kümmern. „Nur noch Tennis 24 Stunden am Tag, das hat mir nicht gut getan“, sagt Henin heute. Sie hofft, dass das nun anders wird bei ihrem zweiten, etwas reiferen Versuch.

Bei den Australian Open im kommenden Jahr soll es richtig losgehen für Justine Henin. Nach der US-Open-Überraschung dieses Jahres darf auch für dieses Comeback nichts mehr als unmöglich gelten.

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