Tennis : Sars in der Manege

Novak Djokovic verärgert seine Tennis-Gegner mit vermeintlichen Verletzungen. Inzwischen ist schon niemand mehr ernsthaft besorgt, wenn ein Arzt zu Djokovic auf den Platz gerufen wird. Es ist eine Art Treppenwitz geworden.

Petra Philippsen
Novak Djokovic.
Novak Djokovic.Foto: Imago

Es ist nicht so, dass das Londoner Publikum nicht mitfühlend wäre. Vielmehr bejubeln die Zuschauer all jene, deren Spiel sie begeistert, und bedauern genauso warmherzig alle anderen, die einen schlechten Tag erwischt oder sich gar eine Verletzung zugezogen haben. Nur mit Novak Djokovic ist die Sache nicht ganz so einfach. Einerseits mögen die Londoner den eloquenten serbischen Weltranglistendritten, der sie schon oft mit Parodien seiner Spielerkollegen oder anderen Scherzen amüsiert hat. Andererseits hat sich Djokovic mittlerweile einen Ruf als unsportlicher Filou aufgebaut. Und so ist inzwischen schon niemand mehr ernsthaft besorgt, wenn ein Arzt oder Physiotherapeut zu Djokovic auf den Platz gerufen wird. Es ist eine Art Treppenwitz geworden und in etwa so normal, als wenn Roger Federer einen Vorhandwinner schlägt. Ob Allergie, Atemnot oder Hitzekoller – irgendwas hat Djokovic eben immer. Und oft genug hat er auch nichts. Zumindest wird ihm das nicht nur von den Kontrahenten unterstellt. Und Djokovic tut wenig, um diesen Eindruck zu widerlegen.

Am Mittwochabend, in seinem zweiten Gruppenspiel beim Tour-Finale, gab es gegen Rafael Nadal wieder so eine zweifelhafte Begebenheit. Die Partie hatte ausgeglichen begonnen, beide nahmen dem Gegner einmal den Aufschlag ab, so dass der Satz beim Stand von 4:4 in die entscheidende Phase ging. Genau da bekam Djokovic ein Problem mit seinem rechten Auge. War seine Kontaktlinse verrutscht? Hatte er etwas ins Auge bekommen? Er wusste es selbst nicht. Der Arzt schaute sich alles genau an, konnte aber nichts finden. Provisorisch gab es Tropfen. „Ich konnte den Ball nicht mehr sehen. Das war schrecklich“, erklärte Djokovic später „Das soll natürlich keine Ausrede sein. Aber ich konnte danach nicht mehr spielen.“ Zunächst verschwand er jedoch für einige Minuten auf die Toilette, um selbst nach seiner Linse zu schauen. Djokovic blieb etwas länger weg, als es das Reglement normalerweise in solchen Situationen erlaubt, doch Nadal beklagte sich nicht darüber. Dafür diskutierte der Spanier derweil über die Verwarnung, die er zuvor vom Schiedsrichter kassiert hatte, weil er sich zwischen den Punkten zu viel Zeit gelassen hatte. „Das ist doch hier eigentlich ein freundliches Match, und ich habe auch beim 4:4 gewartet, ohne etwas zu sagen. Aber ich bekomme die Verwarnung?“, fragte Nadal angesäuert.

Schließlich kehrte Djokovic zurück auf den Platz und rieb sich fortan ständig am Auge. Die Partie nahm eine einseitige Wendung, ohne Aussicht auf Besserung für den Serben. Er unterlag dem Weltranglistenersten mit 5:7 und 2:6. „Das ist mir noch nie passiert“, sagte Djokovic, „die Chance steht eins zu einer Million, dass so etwas eintritt. Ich kann immer noch nicht wieder richtig sehen.“ Genau erklären konnte und wollte Djokovic allerdings nicht, wo das eigentliche Problem lag. Einen Arzt will er trotzdem konsultieren, denn am Freitag könnte er sich trotz der Niederlage noch gegen Andy Roddick für das Halbfinale qualifizieren.

Mit dem Amerikaner war Djokovic vor zwei Jahren einmal heftig aneinandergeraten. Dieser hielt die Verletzungspausen des Serben für unfaire Spielchen. „Klar, Novak hat alles“, sagte Roddick damals. „Der Rücken, die Hüfte, dann Krämpfe und sicher auch Vogelgrippe, Anthrax und Sars. Dazu noch normalen Husten und eine Erkältung.“ Am Freitag wird Djokovic wohl dennoch auf dem Platz stehen, auch wenn bereits im Vorfeld des Tour-Finales spekuliert wurde, er würde nicht mit dem allerletzten Einsatzwillen antreten. Denn in einer Woche spielt Djokovic in Belgrad gegen Frankreich im Davis-Cup-Finale. „Ich muss natürlich schon daran denken, ich bin sehr aufgeregt deswegen“, hatte Djokovic zugegeben: „So ein Finale erlebt man vielleicht nur einmal im Leben.“ Es wäre besser für ihn, wenn er dann den Durchblick hätte.

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