Tennis : Spaß mit Bremse

Rückkehrerin Henin will alles locker nehmen – und dann verliert sie das Finale der Australian Open

Petra Philippsen[Melbourne]
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Hand drauf. Justine Henin (links) gratuliert der Siegerin Serena Williams. Foto: ReutersX90068

Noch einmal musste sich Serena Williams strecken, nur so konnte sie alle Hände schütteln, die ihr aus ihrer Box entgegen gestreckt wurden. Auch davor, zwei Stunden lang, hatte sich die Weltranglisten-Erste in der Rod-Laver-Arena in Melbourne mächtig strecken müssen. Denn es hätte nicht viel gefehlt, und ihre Gegnerin Justine Henin hätte die Australian Open, das erste Tennis-Grand-Slam-Turnier der Saison, gewonnen. Stattdessen vergrub Henin ihr Gesicht in einem Handtuch und schaute traurig den Jubelposen von Williams zu. Die hatte sich mit ihrem 6:4, 3:6, 6:2-Erfolg zum fünften Mal den Titel in Melbourne gesichert. „Ich habe nicht super gespielt, aber bei den wichtigen Punkten war ich zur Stelle“, sagte die strahlende Siegerin. Das Ergebnis täuschte, Williams war wirklich nicht völlig überzeugend.

Henins langjähriger Coach Carlos Rodriguez versuchte von seinem Platz aus, seine Spielerin aufzumuntern, ihr zu signalisieren, dass sie doch weit mehr erreicht habe, als sie vor Turnierbeginn gehofft hatte. Schließlich war die Belgierin erst vor drei Wochen nach 18-monatiger Auszeit auf die Frauen-Tour zurückgekehrt und spielte ihr zweites Turnier. Henin wusste nicht, wie ihr Körper auf die Belastungen eines Grand-Slam-Turniers reagieren würde. Dass sie als Weltranglisten-Erste abgetreten war, spielte keine Rolle mehr. Doch Henin konnte nicht bloß mithalten, sie spielte sogar sehr gut. Deshalb waren die Gesten ihres Trainers kein Trost. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagte sie, „es wird ein wenig dauern, bis ich die positiven Dinge sehe, die mir die vergangenen Wochen gebracht haben.“

Abrupt war Henin im Mai 2008 zurückgetreten, sie fühlte sich leer und ausgebrannt. Sie wollte Dinge erleben, die ihr das Tennis nicht geben konnten. Unter anderem besuchte Henin als Unicef-Botschafterin den Kongo. Dass sie genau ein Jahr später im Melbourne Park im Finale stehen würde, hätte sie damals nie geglaubt, und auch jetzt fällt es ihr noch schwer. „Das ist alles noch unwirklich für mich“, sagte Henin. Spaß wollte sie eigentlich nach ihrer Rückkehr bloß noch haben, doch zumindest in Melbourne wirkte die zierliche Belgierin so verbissen wie früher.

Doch als sie die Rod-Laver-Arena betrat und 15 000 Fans ihr zujubelten, da genoss Henin diese Zuwendung. „Das war ein wundervoller, emotionaler Moment. Die Zuschauer wollten, dass ich gewinne“, sagte Henin gerührt. Zeitweise sah es ja auch ganz gut aus, wie sie spielte. Doch letztlich fehlten ihr sowohl die Nervenstärke als auch die körperliche Fitness, um gegen die US-Amerikanerin bestehen zu können. Serena Williams spielte nicht viel besser als die Belgierin, doch sie setzte im richtigen Moment ihre besten Waffen ein. Immer wieder rettete sie sich mit ihrem starken Aufschlag und ihrem ungeheuren Siegeswillen. Am Ende zeigte Williams, dass eben doch ein feiner Unterschied zwischen der aktuellen und ehemaligen Nummer eins besteht. Trotzdem sagte sie anerkennend: „Justine hat mir alles abverlangt, sie ist definitiv zurück.“

Und manchmal sind es vielleicht die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen. Zum Beispiel der Umstand, dass Williams noch nie ein Match in Melbourne verlor, wenn sie den ersten Satz gewonnen hatte. An diesen Fakt klammerte sich Williams auf dem Feld. Später dankte sie Gott, ihrem Sponsor und den Fans, in dieser Reihenfolge.

Die australischen Fans bedankten sich artig mit Applaus. Doch viel lauter jubelten sie, als später Henin rief: „Wir sehen uns im nächsten Jahr.“

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