Tennis : Spiel, Satz, Aufgabe

Hinweise auf eine mögliche Verwicklung des Deutschen Philipp Kohlschreiber in verschobene Spiele gibt es kaum, aber dafür andere Auffälligkeiten.

Frank Bachner
Kohlschreiber
Einem Bericht der "Welt am Sonntag" zufolge ist Philipp Kohlschreiber in Wettbetrügereien verwickelt. -Foto: ddp

Berlin - Die Liste ist streng geheim. Sie liegt bei der Tennis-Spielerorganisation ATP, und auf ihr sind 140 Spiele aufgeführt, die von kriminellen Wettern und betrügerischen Profis verschoben worden sein könnten. Außer der ATP kennen nur ein paar Journalisten des WDR die komplette Liste, ansonsten werden vor allem Fragmente verbreitet. Eines dieser Details lautet: Philipp Kohlschreiber habe mutmaßlich auch Spiele verschoben. Ein anonymer Buchmacher sagte der „Welt am Sonntag“: „Auch deutsche Spieler“ gehörten zu den Manipulateuren. „Philipp Kohlschreiber ist der Schlimmste von ihnen.“

Der Schlimmste? Der Daviscup-Spieler Kohlschreiber? „Das hört sich spektakulär an, erscheint mir aber maßlos übertrieben“, sagt Christian Plenz, Profiwetter aus Berlin und seit Jahren ausgestattet mit einer umfangreichen Datenbank über die Tennisszene. Plenz fallen seit Monaten verstärkt Spiele auf, die manipuliert sein könnten.

Aber zumindest einer der Punkte, auf denen das Kohlschreiber-Urteil basiere, sei schlicht falsch. Beim Spiel Kohlschreiber gegen den Franzosen Tsonga in Metz im Oktober war der Deutsche, anders als behauptet, keineswegs Favorit mit einer Quote von 1,20. In Wirklichkeit, sagt Plenz, habe der Wettmarkt die Profis gleichwertig eingestuft. Plenz selber setzte bei einer Quote von 1,91 auf einen Sieg von Tsonga. Der Franzose gewann in drei Sätzen, und Plenz stellte bei diesem Spiel keine Auffälligkeiten fest.

Beim Spiel von Kohlschreiber gegen den Argentinier Roitman im Juli in s’Hertogenbosch, das ebenfalls als verdächtig gilt, hatte der Deutsche überraschend den ersten Satz verloren und dann aufgegeben. Kohlschreiber galt als Favorit. Plenz stellte mehr Umsätze als sonst fest, allerdings hätten die keine verdächtigen Höhen erreicht. „Normalerweise schrillen die Alarmglocken, wenn es hohe Umsätze gibt und der entsprechende Zwischenstand extreme Quoten nicht rechtfertigt.“ Der 33-Jährige sagt aber auch, dass es vor allem bei Spielen mit argentinischer Beteiligungen Aufälligkeiten gab.

In St. Petersburg hörte Kohlschreiber wieder nach dem ersten Satz auf. Gegen den favorisierten Russen Youchny führte er im ersten Satz 4:2, verlor dann aber noch 4:6. Danach bezeichnete ein empörter Wetter im Internetchat des Wettanbieters „Betfair“ den Deutschen als „größten König der Manipulation“. Allerdings stellte Plenz auch hier keine Besonderheiten fest. „Am auffälligsten für mich ist bei Kohlschreiber, dass er so oft genau nach dem ersten Satz aufgibt“, sagt Plenz. Denn „Betfair“ wertet ein Spiel erst nach dem ersten Satz. Gibt ein Spieler vorher auf, wird nichts ausbezahlt. Es gibt auch keinen Ehrenkodex, dass ein verletzter Profi unbedingt den ersten Satz zu Ende spielen müsse.

Auch bei einem Turnier in Moskau am 8. Oktober fiel der Deutsche durch einen Spielabbruch auf. Diesmal hörte er gegen seinen Landsmann Michael Berrer nach dem ersten Satz auf. Den hatte er, obwohl er Favorit war, 3:6 verloren. Aber die Quoten, sagt Plenz, seien marktgerecht gewesen. Kohlschreiber selber weist jeden Manipulationsvorwurf heftig zurück. Die auffällig vielen Aufgaben erklärt er jeweils mit Verletzungen.

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