Tennis : Und immer folgt der Absturz

Deutsche Tennisprofis waren 2009 so erfolgreich wie lange nicht – das Jahr danach gestaltet sich schwierig.

Petra Philippsen
Ein wenig Konstanz. Einzig Philipp Kohlschreiber liefert im deutschen Team regelmäßig gute Leistungen. Am Mittwoch erreichte er in München das Achtelfinale. Foto: dpa
Ein wenig Konstanz. Einzig Philipp Kohlschreiber liefert im deutschen Team regelmäßig gute Leistungen. Am Mittwoch erreichte er in...Foto: dpa

Mischa Zverev versuchte wirklich alles, einem Ball hechtete er gar auf dem nassen Sandboden hinterher. Normalerweise hätte Zverev für diese spektakuläre Flugrolle tosenden Beifall geerntet. Doch auf dem abgelegenen Nebenplatz im Münchner Iphitos-Klub sahen nur etwa 20 Zuschauer seiner Erstrundenpartie gegen den Südafrikaner Kevin Anderson zu. Bei empfindlich kühlem Wetter mochte auch niemand zum Klatschen die Hände aus den Taschen nehmen. So trostlos wie die Münchner Witterung sieht auch das Berufsleben des 22-Jährigen derzeit aus, der auf Rang 139 abgerutscht ist. Für den Sprung musste Zverev zudem teuer bezahlen. Er verletzte sich selbst mit dem Ellbogen an den Rippen, so dass er beim Stand von 5:6 aufgeben musste.

„Schade, ich hatte gut gespielt. Aber ärgern hilft da nicht, nur Geduld“, sagte Zverev. Mit Geduld hat der Hamburger Erfahrung. Noch vor einem Jahr galt er als aufstrebender neuer Spieler. Mit seiner unbekümmerten Art düpierte Zverev manch starken Gegner und arbeitete sich stetig in der Rangliste nach oben. Das Viertelfinale beim Masters in Rom, wo er Roger Federer unterlag, wurde sein bislang größter Erfolg. Dem zwei Jahre älteren Andreas Beck war kurz zuvor in Monte Carlo das Gleiche geglückt. Gemeinsam schaffte das Linkshänderduo dann auch im Juli den Sprung ins Davis-Cup-Team. Der Knacks folgte, als beide gerade mit Rang 45 und 33 die besten Platzierungen ihrer Karriere erreicht hatten.

Die Erfolge des Vorjahres verteidigen zu müssen, ist das Kniffligste für Tennisprofis, der Druck ist besonders für junge Spieler enorm. Viele scheitern im folgenden Jahr, wenn die Unbekümmertheit verflogen ist und die Weltranglistenpunkte aus dem Vorjahr verloren gehen.

„Ich versuche, jetzt nicht in Panik zu verfallen“, sagte Zverev, „es zählt ohnehin nur das Ranking am Jahresende. Bis dahin kann viel passieren.“ Jedoch auch im negativen Sinne: Verletzungen taten sowohl bei Beck als auch Zverev ihr übriges. Zum Saisonende brach sich Zverev bei einem unglücklichen Sturz in Schanghai das Handgelenk. Beck plagte eine langwierige Ellbogenverletzung, so dass er erst im März beim Masters in Indian Wells die Saison beginnen konnte. Becks Comeback begann mit sechs Niederlagen. In München schaffte er gegen den Usbeken Denis Istomin seinen ersten Sieg in diesem Jahr, doch gegen den an Nummer zwei gesetzten Russen Michail Juschni war mit 3:6, 3:6 Endstation. Inzwischen ist Beck nur noch die Nummer 85 der Welt.

Dass dieses Phänomen des Erfolgsfluchs selbst erfahrene Profis trifft, zeigt sich am Beispiel von Nicolas Kiefer. Vor einem Jahr war der 32-Jährige als 29. noch der bestplatzierte deutsche Spieler. Als Kiefer im Spätsommer beim Masters in Cincinnati in Runde eins scheiterte, wurden ihm jedoch fast 700 Punkte für seinen Finaleinzug vom Vorjahr abgezogen. Kiefer rutschte fast bis auf Rang 150 ab. Nach einer Verletzung an der Hüfte kehrte Kiefer erst in dieser Woche nach sechsmonatiger Pause auf die Tour zurück und scheiterte zum Auftakt. „Ich muss Geduld haben, aber ich weiß, dass ich es noch mal schaffen kann“, sagte Kiefer.

Wie mühselig der Weg für Tennisprofis ist, die außerhalb der Top 100 stehen, muss nun auch der Hannoveraner feststellen. Es erfordert Beharrlichkeit, Willen und wenig Eitelkeit, als ehemalige Nummer vier der Welt wieder auf Challenger-Turnieren anzutreten. Diese wenig reizvolle zweite Liga im Profitennis – ohne jegliche Annehmlichkeiten und weit weniger lukrativ – nutzen Spieler wie Benjamin Becker oder Simon Greul dagegen regelmäßig. Die Challenger-Turniere bieten die Chance, konstant einige Ranglistenpunkte zu sammeln.

So schafften es im Vorjahr auch elf deutsche Profis unter die besten 100, so viele wie seit Jahren nicht mehr. Dass es wieder eine rekordverdächtige Saison wird, ist jedoch fraglich. Lediglich Philipp Kohlschreiber gelingt es momentan, regelmäßig stabile Leistungen zu bringen. Am Mittwoch zog der Augsburger durch ein 6:4, 6:4 über Vorjahres-Halbfinalist Daniel Brands ins Achtelfinale ein. Als bislang einziger deutscher Profi erreichte Philipp Petzschner in dem häufig von Regen unterbrochenen Turnier das Viertelfinale. Er besiegte den Österreicher Daniel Köllerer mit 6:1, 6:4.

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