Tennis : Verletzlicher Champion

Roger Federer verliert trotz seines Sieges an Dominanz. Kündigt sich langsam eine Wachablösung an?

Petra Philippsen[London]
Federer
Die Dominanz bröckelt. Roger Federer spürt, dass er es künftig schwer haben wird. -Foto: AFP

Als der frenetische Applaus ein wenig verklungen ist und die Freudentränen wieder getrocknet sind, findet Roger Federer vor den Umkleideräumen des Centre Courts einen ruhigen Moment mit Björn Borg. Er umarmt den Mann, der den Tennissport vor drei Jahrzehnten so dominierte und dessen Rekord von fünf Wimbledon-Titeln in Folge er gerade egalisiert hat. „Es tut mir leid“, sagt Federer zu Borg, doch der sonst so kühle Schwede schenkt ihm ein aufrichtiges Lächeln und tätschelt ihm freundschaftlich die Schulter. Er gönne es ihm und hoffe, Federer werde weiterhin in Wimbledon siegen: „Alte Rekorde sind nicht für die Ewigkeit gedacht“, sagt Borg, doch unweigerlich schwingt in den Tagen von Wimbledon immer ein wenig der Gedanke an Ewigkeit mit. Wenn der britische Fernsehsender BBC mit den Großen vergangener Tage aufwartet, wie John McEnroe, Jimmy Connors, Boris Becker und nicht zuletzt Borg, drängt sich die Frage förmlich auf: Wer ist denn der größte Spieler aller Zeiten?

Federer wird nach seinem elften Grand-Slam-Titel bereits mit diesem Status in Verbindung gebracht, doch er befindet sich in bester Gesellschaft: Pete Sampras führt die Liste mit 14 großen Titeln an. Auch ein Ivan Lendl dominierte eine ganze Epoche, auf dem Rasen von Wimbledon scheiterte er jedoch immer. Rod Laver gelang es sogar zwei Mal, alle vier Grand-Slam-Titel in einem Jahr zu gewinnen. Borg triumphierte elf Mal bei Grand Slams, so wie Federer.

Doch woran lässt sich Größe messen? An nüchternen Statistiken oder an der Fähigkeit, auf jedem Belag gewinnen zu können? Sicher ist sie in einer Mischung aus allem zu suchen, doch die Antwort kann bisher nicht gegeben werden. Federer ist zumindest auf dem Weg und sollte er an Sampras noch vorbeiziehen und dabei doch noch in Paris triumphieren, könnte ihm sicherlich niemand mehr seine einsame Ausnahmestellung in der Tennisgeschichte streitig machen. Möglich scheint es, denn Federer ist, anders als viele seiner Vorgänger, ein Allroundspieler, der auf allen Belägen zurecht kommt. Der Schweizer verfügt über Variationen im Spiel und besitzt dazu die Fähigkeit, seine Taktik während eines Matches umzustellen.

Doch in dieser Saison zeigte sich Federer erstmals auch von seiner verletzlichen Seite, nachdem er drei Jahre lang seinen Sport nach Belieben dominierte. Niederlagen bereits vor der üblichen Finalteilnahme schienen ihn im Frühjahr aus der Bahn zu werfen, die Trennung von seinem Trainer Tony Roche war ein erstes Signal, dass Federer mit seiner Entwicklung nicht zufrieden war. Die Leichtigkeit, die sein Spiel so ästhetisch wie kein zweites erscheinen lässt, schien ihm abhandengekommen zu sein.

Gänzlich wiedergefunden hat er die alte Leichtigkeit auch in Wimbledon nicht. Er spürte nach seinem hartem Fünfsatz-Kampf gegen Rafael Nadal, dass er es künftig schwer haben wird. „Ich muss jetzt jeden Titel mitnehmen, den ich noch kriegen kann“, sagte der fast 26-Jährige. Federer ist nicht mehr unschlagbar, obwohl er sich noch einmal retten konnte. Der Widerstand, den Federer schon jetzt von Nadal spürt, wird größer und auch schon von Spielern wie Novak Djokovic ausgeübt, der die Gruppe der jungen Profis anführt. Federers Weg zum Olymp wird hart, ob er ihn erreichen kann, zeigt sich vielleicht schon beim nächsten Turnier von Wimbledon. Borg blieb ein sechster Triumph dort verwehrt. Doch vielleicht zeigt sich eben erst im Scheitern die wahre Größe.

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