Sport : Tennis: Weg vom alten Fluss

Benedikt Voigt

Anke Huber sah in ihrem Leben als Tennisprofi die bekanntesten Flüsse dieser Welt. Zum Beispiel den Yarra River, der sich durch Melbourne windet. Auch die Seine hat sie durch Paris gleiten sehen, und die Themse kennt sie, wenn diese durch London schleicht. Natürlich beobachtete sie auch einen der spektakulärsten Flüsse: den Hudson River, an dessen Ufer sich New York in den Himmel hebt. Einmal im Jahr fuhr sie zu jedem dieser Flüsse, weil in deren Nähe die bedeutensten Tennisturniere dieser Welt stattfinden. Inzwischen aber hat sie genug von den alten, bekannten Flüssen dieser Welt, sie will endlich den wichtigsten Fluss erkunden: das eigene Leben.

"Ich sehne mich nach einem ganz normalen Leben", sagt Anke Huber in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" und kündigt an, nach den Australian Open im kommenden Januar mit dem Tennisspielen aufzuhören. Ihr bisheriges Leben empfindet sie inzwischen als nicht normal, und tatsächlich, wer startet schon mit 14 Jahren und einem Monat in seinen Beruf? Das ist auch der Grund, warum Anke Huber mit 26 Jahren, eigentlich ein gutes Alter für Spitzensport, genug hat von dieser Karriere. "Du quälst dich morgens aus dem Bett und denkst: Oh, Gott im Himmel, nicht schon wieder Training", sagt Anke Huber. Wegen einer Handverletzung hatte sie Anfang dieses Jahres Gelegenheit, fünf Monate lang ein Leben ohne Tennis kennenzulernen. Es hat ihr gefallen.

Natürlich gibt es Positives. Zehn Millionen Mark Preisgeld sammelte sie in ihrer Karriere, sie bereiste alle Kontinente, sie kennt die die schicken Hotels zwischen Melbourne und New York. "Es war eine Lehre fürs Leben", findet sie, "allein durch das Kennenlernen von Menschen in der ganzen Welt und auch dadurch, dass ich ganz jung weg bin von zu Hause." Aber nun überwiegen die unangenehmen Seiten des Profigeschäfts. "Man ist oft genug allein in seinem Hotelzimmer, und dann kommt die Einsamkeit." Vor zwei Jahren war sie mit dem ukrainischen Tennisspieler Andrej Medwedew zusammen, momentan hat sie keinen Freund. Vor zwei Monaten trennte sie sich auch von ihrem langjährigen Trainer Boris Breskvar. Er hatte sie entdeckt und war im Laufe der Jahre zu ihrem Ersatzvater geworden. Huber sagt: "Am Ende war er ehrgeiziger als ich." Gestern verlor sie in Hamburg ihre Fedcup-Partie gegen Paola Suarez mit 6:4, 3:6, 10:12 und leitete damit die Niederlage Deutschlands gegen Argentinien ein. Aber das alles ist jetzt nicht mehr so wichtig.

Ihre größten Erfolge liegen schon ein paar Jahre zurück. 1996 kletterte sie bis auf Rang vier der Weltrangliste. Bei den Australian Open hatte sie damals das Finale gegen Monica Seles verloren. Insgesamt gewann sie zwölf Grand-Prix-Turniere, im letzten Jahr war sie noch in Estoril und in Sopot erfolgreich. Aber Melbourne ist die Stätte ihres größten Erfolges. Dort will sie aufhören. Was danach kommt, ist noch nicht ganz klar. Tennistrainerin kann sie sich vorstellen. Der Deutsche Tennis Bund würde sie auch gerne beschäftigen. Zunächst urlaubt sie in Australien.

Mit Anke Huber tritt die erfolgreichste Tennisgeneration Deutschlands endgültig ab. Im Sog von Boris Becker, Michael Stich und Stefanie Graf stieg Anke Huber zu einer der prominentesten deutschen Sportlerinnen auf. Doch Grafs sportliche Übermacht war immer ein Problem für sie. "Es war ein enormer Druck." Als Stefanie Graf aufhörte, hatte wohl mancher erwartet, dass Anke Huber die Lücke füllt. Aber wer kann das schon? Natürlich profitierte Anke Huber auch von dem Tennisboom, den Stefanie Graf, die damals beste Tennispielerin gemeinsam mit Becker Ende der 80er Jahre in Deutschland auslöste. Jahrelang machte Huber Werbung für die "Milchschnitte", fast ist das seltsame Pausenbrot zum Synonym für die Tennisspielerin geworden.

Es gibt noch einen Begriff für Anke Huber. So wie "Brühlerin" für Stefanie Graf steht, hieß Anke Huber oft "die Karlsdorferin". Dort hatte sie ihre kurze Kindheit verbracht. Ihr Heimatort wurde 1813 gegründet, in jenem Jahr trat der Rhein über die Ufer und verschlang das kleine Dorf Dettenheim. Die Bewohner retteten sich auf eine Anhöhe und gründeten dort die neue Siedlung Karlsdorf. Anke Huber macht es ihnen jetzt nach. Sie lässt den alten Fluß hinter sich, steigt auf eine neue Anhöhe und fängt noch einmal von vorne an.

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