Tennis-Weltrangliste : Die Lücke an der Spitze

Die wichtigste Stelle im Damentennis ist derzeit offen. Gesucht wird: die beste Spielerin der Welt - und das schon eine ganze Weile.

Anke Myrrhe

Der Auslöser für die Neubesetzung kam völlig unerwartet. Als Justine Henin am 8. Mai das Steffi-Graf- Stadion in Berlin betrat, ahnte niemand, dass dies das letzte Tennismatch ihrer Karriere sein würde. Sechs Tage später verkündete die Belgierin ihren Rücktritt vom Profisport. Mit 25 Jahren, als Nummer eins der Welt. Henin hatte insgesamt 117 Wochen an der Spitze der  Weltrangliste  gestanden. Viele erwarteten eine lange Regentschaft der kleinen Belgierin, wie in den achtziger und neunziger Jahren etwa von Steffi Graf oder Monica Seles. Doch Henin entschied sich für einen Rückzug auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

Seither streiten gleich sechs Damen um die Nachfolge. Die Russin Maria Scharapowa machte den Anfang, hielt sich aber nur drei Wochen an der Spitze. Es folgten eine Woche Jelena Jankovic, immerhin zwölf Wochen Ana Ivanovic (beide aus Serbien), dann ein dreiwöchiges Intermezzo von Serena Williams (USA), das vergangene Woche in Stuttgart jäh beendet wurde, als sie in Runde eins scheiterte. Dinara Safina und Olympiasiegerin Elena Dementjewa aus Russland konnten sich noch nicht ganz nach oben spielen, doch auch die Nummer drei und vier der Welt haben Chancen. Seit gestern liegt Stuttgart-Siegerin Jankovic wieder vorn.

Bezeichnend für diese ständigen Wechsel ist, dass die aktuelle Nummer eins noch nie ein Grand-Slam-Turnier gewann. Durch besondere Dominanz zeichnete sich die 23-jährige Serbin bislang nicht aus, auch wenn sie in dieser Saison am konstantesten gespielt hat. Eher hatte man mit der 20-jährigen French-Open-Siegerin Ana Ivanovic gerechnet, die aber in der zweiten Saisonhälfte von Verletzungen geplagt wird. Nach ihrem Ausscheiden in der zweiten Runde der US Open sagte sie: "Ich spiele derzeit nicht wie eine Nummer eins." Oder aber mit Maria Scharapowa, die ihre Saison aufgrund einer langwierigen Schulterverletzung frühzeitig beenden musste.

Die Nummer eins zu sein, heißt momentan nicht unbedingt auch das beste Tennis zu spielen. Eher herrscht die Devise: Wer gesund bleibt, der bleibt oben. Bislang scheint es so, als seien alle Kandidatinnen tatsächlich auf einem ähnlichen spielerischen Niveau - wenn sie fit sind. Die Frage ist, ob sich langfristig eine von ihnen durchsetzen kann. Auf jeden Fall aber gewinnt das Damentennis durch den Kampf an der Spitze enorm an Spannung. Wenn Spielerinnen wie zuletzt Martina Hingis über Jahre hinweg dominieren, kann es schnell langweilig werden - wie es bei den Männern in den neunziger Jahren durch Pete Sampras und zuletzt durch die Überlegenheit des Schweizers Roger Federer der Fall war. Jedoch sorgte hier der Zweikampf mit Rafael Nadal aus Spanien für ständige Spannung.

Bei den Frauen hat Jelena Jankovic angekündigt, dass sie sich nicht mehr von der Spitzenposition verdrängen lassen will. "Das Wichtigste ist, am Ende des Jahres die beste Spielerin der Welt zu sein", sagt sie. Die anderen werden etwas dagegen haben - wenn sie gesund bleiben.

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