Tennis : Wimbledon: Die Queen kommt lieber früher

Druck und Formtief lähmen die britische Wimbledon-Hoffnung Andy Murray. Zum Glück für ihn gibt es noch die englische Fußballnationalmannschaft, die ein Stück der Aufmerksamkeit von ihm abzieht.

Petra Philippsen
Andy Murray sucht nach seiner Form. In Queens schied er schon in Runde drei aus. Trotzdem glaubt er an einen Wimbledon-Sieg.
Andy Murray sucht nach seiner Form. In Queens schied er schon in Runde drei aus. Trotzdem glaubt er an einen Wimbledon-Sieg.Foto: dpa

Und dann brach es doch aus Andy Murray heraus. „Ich werde mich doch nicht über so etwas Lächerliches streiten“, schimpfte der blasse Schotte plötzlich und erhob die Stimme, wo er zuvor fast nur im Flüsterton gesprochen hatte. Ein wenig erschrak er selbst über den kleinen Ausbruch. Ein britischer Journalist hatte Murray mit seinen bohrenden Nachfragen provoziert, und der ließ sich prompt locken. Dabei hatte sich Murray so bemüht, gefasst und sicher bei der von ihm so ungeliebten Pflicht-Fragestunde vor Wimbledon zu wirken. Doch nun konnte jeder sehen, wie es um das Nervenkostüm des 23-Jährigen aus Dunblane bestellt war: nicht zum Besten.

Dass Queen Elizabeth II. für den Donnerstag der ersten Turnierwoche ihren Besuch im All England Club nach 33-jähriger Abstinenz angekündigt hatte, war das beherrschende Thema der britischen Medien. Wie auch die Frage an die Spieler, ob sie sich denn vor Ihrer Majestät verbeugen würden, falls sie an diesem Tage auf dem Center Court spielten. Bei dieser Frage geriet Murray ins Stocken. Er sagte, man müsse das doch wohl mit dem Gegner absprechen. Es sollten sich ja beide gleich verhalten. Die vehemente Nachfrage brachte Murray dann aus der Fassung. Als würde nicht schon der Druck einer ganzen Nation auf ihm lasten, erwartete nun also auch noch die Queen, ihn wenigstens in der zweiten Runde spielen zu sehen. Das war zu viel.

Schon vor einem Jahr wollte die Queen an die Church Road kommen, wenn es Murray ins Finale geschafft hätte. Doch er scheiterte im Halbfinale am Amerikaner Andy Roddick, und so blieb sie daheim. Einen Brief hatte sie Murray damals gar im Vorfeld geschrieben und ihm zu seinem Turniersieg im Londoner Queen’s Club gratuliert.

Dieses Mal gab es keinen Grund für derartige Ehrbezeugungen, Murray konnte in dieser Saison noch keinen Titel gewinnen. Manche Zeitung spottete bereits, die Queen käme wohl extra so früh, um überhaupt noch einen Briten spielen zu sehen. Neben Murray ist bei den Herren nur Jamie Baker mit einer Wildcard ins Feld gekommen, er steht an Position 256 der Rangliste. Bei den Damen ist die Aussicht ähnlich trüb. Damit ist der Schotte Murray wieder der einzige Hoffnungsträger der Briten, und die Vorzeichen sind wenig verheißungsvoll.

Auch wenn Murray sagt: „Ich denke, ich kann Wimbledon gewinnen. Ich bin nicht weit davon entfernt, mein bestes Tennis zu spielen.“ Doch seit er im Januar nach der Finalniederlage gegen Roger Federer bei den Australian Open in Tränen ausbrach, scheint Murray nicht mehr derselbe. „Das war eine unglaubliche Enttäuschung für mich“, sagte er, „ich habe gedacht, ich würde gewinnen.“ Murray wollte die Erwartungen der Briten, die seit 1938 auf einen Grand-Slam-Sieger warten, unbedingt erfüllen, und hatte nun das beklemmende Gefühl, sein Land enttäuscht zu haben.

Nur 19 Matches absolvierte der Weltranglistenvierte seither, im Vorjahr spielte und trainierte Murray doppelt so viel und brachte es dabei auf vier Turniersiege. Nun verärgerte er im Frühjahr Organisatoren mit Absagen und lustlosen Auftritten und nicht nur seine Körpersprache auf dem Platz zeigte deutlich, dass er nicht im Reinen mit sich ist.

Das blamable Drittrundenaus in Queen’s gegen Mardy Fish, die Nummer 90 der Welt, markierte nun den Tiefpunkt. Danach rief er sein „Team Murray“ zusammen, bestehend aus seinem Trainer Miles Maclagan, seinen beiden Fitnesstrainern und dem Physiotherapeuten. „Ich wollte sichergehen, dass wir alle das gleiche Gefühl haben – dass ich Wimbledon gewinnen kann“, sagte Murray. Seine Angestellten bestärkten ihn in seinem Glauben. Und an den klammert sich Murray wie an einen Rettungsring.

Wenn da nur nicht dieser Druck wäre. Murray ist fast schon dankbar, dass die bei der WM in Südafrika strauchelnde englische Fußballnationalmannschaft ein Stück der Aufmerksamkeit von ihm abzieht. Obwohl Murray sie als Leidensgenossen sieht, denn auch im Fußball wartet die Insel immerhin seit 1966 auf einen großen Titel. „Es ist so ungeheuer schwierig, eine WM zu gewinnen“, sagte Murray, „und genauso schwierig ist es, Wimbledon zu gewinnen. Das sind die schwersten Aufgaben, die es gibt. Und viele sind so knapp daran gescheitert.“ Wohl kaum jemand weiß das besser als die Briten.

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