Terror in Paris : Wenn Fußball zur Nebensache wird

Eigentlich soll es am Freitagabend im Fußballstadion von St. Denis nur um Fußball gehen. Doch der rückt schnell in den Hintergrund. Lesen Sie hier, wie Zeit-Kollege Christian Spiller die Attentate von Paris erlebte.

Christian Spiller
Der Rasen im Fußballstadion von St. Denis als Zufluchtsstätte für Fans und Medienvertreter.
Der Rasen im Fußballstadion von St. Denis als Zufluchtsstätte für Fans und Medienvertreter.Foto: AFP

Als es in der 16. Minute knallte, johlen einige Zuschauer im Stade de France. Es knallt öfter mal in Fußballstadien, meist sind es Böller oder Raketen. Laut, aber harmlos, nichts Ungewöhnliches. Auch die Spieler zucken kaum, Frankreich hatte den Ball, es ging weiter. Obwohl die Erschütterung sehr stark gewesen sein muss, das Stadion hatte leicht vibriert. Selbst als ein paar Minuten später noch eine Detonation zu hören ist, denkt niemand daran, dass soeben der schwarze Freitag von Paris begonnen hat.

Mehr als 120 Tote an sechs verschiedenen Anschlagsorten. Auch vor dem Stadion sind Menschen gestorben. Einige Medien berichten, es habe sich um Selbstmordattentäter gehandelt. Andere, dass die Attentäter erfolglos versucht haben, in die Arena zu gelangen.

Von alldem ahnen die 78.000 Zuschauer im größten Stadion des Landes nichts. Hier, im Vorort St. Denis, wo Frankreich 1998 Weltmeister wurde und das Land so stolz war auf seine Multikulti-Truppe. Auf den Tribünen gibt es zwar ein paar fragende Gesichter, aber Ernst nimmt die Geräusche kaum jemand. Einige fragen auf Twitter, was das denn war. Andere machen Witze mit zu viel gegessener Bohnensuppe. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich niemand das Unerklärliche vorstellen kann.

Erst nach und nach erreichen erste Informationen das Innere des Stadions. Anfangs heißt es, es habe ein Explosion in einer Bar in der Nähe der Arena gegeben und eine Schießerei in einer Kneipe in der Innenstadt. Dann, dass Frankreichs Präsident François Hollande in Sicherheit gebracht wurde, der sich mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier das Spiel angeschaut hatte. Hier und da laufen Sicherheitsleute hektisch umher. Die Informationen kommen vor allem über Twitter. 

Und es wird immer schlimmer: Eine Geiselnahme bei einem Konzert, wahrscheinlich Selbstmordattentäter vorm Stadion und immer mehr Opfer. Mit jeder Spielminute steigt die Zahl der Toten. Aber während Paris brennt, wird ein Fußballspiel zu Ende gespielt.

Das mag pietätlos klingen, aber wahrscheinlich ist es die richtige Entscheidung. Viele Zuschauer wissen immer noch nicht, was passiert ist. Eine entsprechende Durchsage oder ein Spielabbruch hätte eine Massenpanik auslösen können. Zumal keiner weiß, ob es um das Stadion herum sicher ist. Und so entsteht diese surreale Situation: Torjubel, Bleu-Blanc-Rouge-Fahnen, mit Stolz geschwenkt sowie Laola-Wellen, während ein paar Kilometer entfernt Menschen erschossen werden.

Über dem Stadion kreisen zu dem Zeitpunkt Hubschrauber. Die Journalisten schauen nur noch auf ihre Handys. Erst nach und nach, gegen Ende des Spiels, scheinen die Zuschauer verstanden zu haben, dass etwas passiert war. Es wird leiser im Stadion. Wer Bescheid weiß, guckt schon längst nicht mehr auf den Rasen. Dem ist es egal, dass Deutschland am Ende 0:2 verliert, dass Mario Gomez ein paar Chancen vergibt, dass die Deutschen mit einer Dreierkette gespielt und erstmals ihre neue Trikots vorgeführt haben. 

Langsam setzt sich der Gedanke fest: Heute wird zum ersten Mal auch der Fußball angegriffen. Der Bundestrainer Joachim Löw wird später sagen: Er habe bei dem Knall sofort an die Bombendrohung gedacht, die früher am Tag im Mannschaftshotel eingegangen war. "Ich konnte mir in etwa ausmalen, was das sein wird". Am Vormittag hatte die Nationalmannschaft ihr Teamhotel verlassen müssen. Sie ging hinüber ins berühmte Tennisstadion von Roland Garros, wo sie ein paar Selfies machte. Nach ein paar Stunden kehrte sie zurück. Es wirkte wie Routine.

Um eine Panik zu verhindern, wird das Spiel fortgesetzt

In St. Denis werden Mitte der Zweiten Hälfte die Stadiontore geschlossen. Niemand darf mehr hinein, niemand heraus. Wer auf dem Stadionvorplatz steht, so heißt es, wird angewiesen, wieder ins Stadion zu laufen. Etwa eine Viertelstunde vor dem Abpfiff werden die Tore wieder geöffnet. Einige Zuschauer, die etwas mitbekamen, gehen zügig nach Hause. 

Nach dem Schlusspfiff dann die erste Durchsage. Wegen eines "äußeren Zwischenfalls" seien einige Ausgänge unpassierbar. Als sich die Arena schon fast komplett geleert hat, wird es plötzlich hektisch. Keine Panik, aber Minuten der Unruhe. Ein paar hundert Zuschauer laufen zurück ins Stadion auf den Rasen. Warum ist nicht ganz klar. Später wird es heißen, es gab Gerüchte, dass ein Attentäter in den Stadiongängen lauere. Man sieht ein paar entsetzte Gesichter. Die meisten Besucher aber wirken gefasst.

Von draußen dröhnen unaufhörlich Sirenen. "Es gibt keinen Grund zur Panik", beruhigt der Stadionsprecher. Ein halbe Stunde tummeln sich die Zuschauer auf dem Rasen. Ein Fan breitet seine Deutschlandfahne aus. Andere klettern die Tore hinauf, setzen sich auf die Querlatte. Alles bleibt ruhig. Irgendwann wird den Besuchern versichert, dass es sicher sei, das Stadion zu verlassen. Sie werden an einer Seite des Feldes hinausgeleitet. Dabei singen einige die Marseillaise. 

Unterdessen gibt es immer neue Informationen. Vorfälle auch am Centre Georges Pompidou und in der Nähe des Louvre, bewaffnete Attentäter, die noch immer durch die Stadt ziehen. Wie sicher also ist es da draußen? Als die Stadt Paris den Notstand erklärt und eine Ausgangssperre verhängt, ist klar, dass, wer noch im Stadion ist, nicht mehr so schnell nach Hause kommt.

Die meisten deutschen Journalisten harren ein paar Stunden im Pressezentrum aus. Alle sehen ratlos aus und blass, viele erschrocken. Sie rufen ihre Liebsten an und sagen, dass es ihnen gut geht. Auf dem Fernseher im Presseraum, wo sonst nach dem Spiel die besten Szenen der 90 Minuten laufen, sind die schrecklichen Bilder von draußen zu sehen, die das französische Fernsehen nun nonstop sendet.

Die übliche Pressekonferenz fällt aus, die Gespräche in der Mixed Zone ebenso, was soll man auch fragen? Aus Sicherheitsgründen bleibt die deutsche Nationalelf die ganze Nacht über in der Mannschaftskabine. Dort harren die Spieler zusammen mit ihren französischen Kollegen aus. Am Morgen fährt das Team direkt zum Flughafen und ist mittlerweile wieder in Deutschland gelandet. Doch das interessiert nach dieser Nacht von Paris nur am Rande. Noch nie war eine Fußballmannschaft, noch nie war ein Fußballspiel unwichtiger.

Der Text erschien zuerst bei Zeit Online.

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