Testspiel gegen Belgien : Endlich wieder ein Deutsch-Türke für Deutschland

Mit Serdar Tasci läuft heute Abend gegen Belgien seit langem wieder ein türkischstämmiger Fußballer für Deutschland auf. Der DFB will, dass er nicht der letzte ist.

Stefan Hermanns
Training deutsche Fussball Nationalmannschaft
Für Deutschland entschieden. Serdar Tasci (rechts) trainiert mit Kevin Kuranyi, Mario Gomez, Marko Marin (von links) für das Spiel...Foto: ddp

Im Grunde hat Mustafa Dogan ziemliches Glück gehabt. Die Frage, die an sein Innerstes hätte rühren können, hat er sich nie stellen müssen. Die Frage: Bin ich Deutscher, oder bin ich Türke? Spiele ich also für die deutsche Nationalmannschaft oder für die türkische? „Ich musste keine Wahl treffen“, sagt Dogan, der in der Türkei geboren und in Duisburg aufgewachsen ist. „Die Deutschen waren schneller.“ In der U 18 hat er zum ersten Mal das Trikot des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) getragen, 1999 spielte Dogan sogar für die A-Nationalmannschaft. Obwohl die Türken die größte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland stellen, ist er immer noch der einzige deutsche Nationalspieler mit türkischen Wurzeln. Noch.

Bundestrainer Joachim Löw hat am Dienstag angekündigt, dass Serdar Tasci vom VfB Stuttgart im Freundschaftsspiel gegen Belgien sein Debüt für die Nationalmannschaft bestreiten werde. An guten Verteidigern besteht im deutschen Fußball kein Überfluss, und mit einem Einsatz für die Nationalmannschaft sind alle Bemühungen des türkischen Verbandes um Tasci endgültig hinfällig. Noch kurz vor der Europameisterschaft hat er mit Nachdruck um den Stuttgarter geworben. Tasci, geboren in Esslingen, hatte Glück. Er war verletzt und musste sich nicht entscheiden. „Am liebsten würde ich für beide Teams spielen“, sagt er.

Almancilar, Deutschländer

Das türkische Element im deutschen Fußball ist immer noch überschaubar. Anders als umgekehrt. Als die Türken 2002 Dritter der Weltmeisterschaft wurden, waren die so genannten Almancilar, die Deutschländer Bastürk, Davala und Mansiz, entscheidend an diesem Erfolg beteiligt. Vor drei Jahren, bei der 1:2-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft in Istanbul, kamen bei den Türken sogar fünf Spieler zum Einsatz, die in Deutschland geboren sind. Halil Altintop aus Gelsenkirchen erzielte das 1:0, Nuri Sahin aus Lüdenscheid das 2:0. „Ich bin hundert Prozent Türke“, sagte Sahin, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, nach dem Spiel, seinem Debüt für die türkische Nationalmannschaft. Dem deutschen Fußball schien damals ein großes Talent verloren gegangen zu sein.

Den Kampf um die Talente gibt es immer noch – aber er wird nicht mehr so erbittert geführt. Beim DFB heißt es, man akzeptiere, wenn sich Jugendliche für die Türkei entschieden. Der Verband kann sich das leisten. In Deutschland gebe es wieder so viele gut ausgebildete Talente, dass gar nicht alle für Deutschland spielen könnten. Auch auf türkischer Seite hat Mustafa Dogan, der inzwischen in Istanbul lebt, eine größere Gelassenheit ausgemacht. In der Türkei werde sehr wohl anerkannt, „dass es eine große Leistung ist, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen“. Zu seiner Zeit war das noch anders. Damals hieß es: „Wir wollen nicht mehr, dass die Dogans für Deutschland auflaufen.“ Der Verband, bis dahin wenig interessiert an türkischen Spielern im Ausland, erkannte das riesige Potenzial und fahndete fortan gezielt nach ihnen.

Leichtes Spiel für das Europa-Büro des türkischen Verbandes

Erdal Keser, früher Profi bei Borussia Dortmund, hat zu diesem Zweck das Europa-Büro des türkischen Verbandes gegründet. Die Deutschen haben ihm die Arbeit nicht unbedingt erschwert. Der DFB habe sich wenig um die türkischstämmigen Spieler gekümmert, sagt Keser. „Dann waren die Talente weg. Inzwischen hat sich das geändert.“ In der U 21 spielen Mesut Özil und Baris Özbek, Ömer Toprak und Rahman Soyudogru sind mit der U 19 Europameister geworden, und Serdar Tasci wird heute A-Nationalspieler.

Für Zufall hält Gül Keskinler das nicht. „Die WM in unserem Land hat für die Identitätsentwicklung eine wichtige Rolle gespielt“, sagt die Integrationsbeauftragte des DFB, die selbst aus der Türkei stammt. „Die Nationalmannschaft ist eine Herzenssache geworden.“ Für Keskinler ist das auch der Ausdruck eines allgemeineren Wandels. „Es ist eine Gesamtentwicklung in unserem Land“, sagt sie. Auch in der Wirtschaft gebe es viele gut qualifizierte junge Menschen mit Migrationshintergrund, die Karriere machten. „Der Weg war nur etwas länger und etwas holpriger.“

Wo der Weg im Fußball hinführt? Auch in Zukunft werden sich wohl nicht alle Fußballer mit ausländischen Wurzeln automatisch für die deutsche Nationalmannschaft entscheiden. In dieser emotionalen Angelegenheit spielen auch rationale Erwägungen eine Rolle: Wo sind meine Chancen größer? Wo kann ich meinen Marktwert steigern? Mustafa Dogan sagt, er habe es nie bereut, dass er für Deutschland gespielt habe, „auch wenn ich in der Türkei mit Sicherheit mehr Länderspiele gemacht hätte“. Für Deutschland machte er zwei.

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