Testspiel gegen Deutschland : Italiener überraschend frech

Im Testspiel am Mittwoch überrascht die italienische Fußball-Nationalmannschaft mit einer mutigen Leistung - und begeistert in Dortmund sogar die deutschen Fans.

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DortmundCesare Prandelli saß also vor einer Schar aufgeregter italienischer Fußballreporter und strich sich zwei, drei Fussel vom passengen, dunkelblauen Jackett. Vielleicht waren da auch gar keine Fussel, und es sollte nur etwas Beruhigendes ausgehen von seinen Handgriffen. Womöglich werden die Italiener ihrem 53-jährigen Nationaltrainer preisen in der Kunst des Handauflegens. Wie beküsst vom Glück tanzten und sangen die zahlreichen italienischen Fans nach dem 1:1 ihrer Nationalelf beim favorisierten Gastgeber. Hatten doch viele mit einer Blamage gegen den alten Rivalen Deutschland gerechnet. Selbst der gute Prandelli, der den Job von Marcello Lippi im vorigen Sommer übernommen und sich vor dem Klassiker mit seinem Team in die Toscana zurückgezogen hatte, hatte ein Debakel für möglich gehalten. Nun saß er mit einem Lächeln vor der Presse und sagte: „Wir hatten unseren Spaß.“

Auch Joachim Löw fand, es sei sehr „unterhaltsam“ gewesen, beide Mannschaften hätten versucht, das Spiel zu gewinnen, ja „selbst die Italiener“. Was fällt denen ein? Totgesagt waren sie, jene Italiener, die mit der ergrauten WM-Riege von 2006 auch vier Jahre später in Südafrika angetreten und vom Tempofußball schlicht überrollt worden waren. Die deutsche Elf, deren Entwicklungskurve gerade steil nach oben zeigt, wollte Revanche nehmen für so manche Demütigung, insbesondere aber für die WM-Halbfinal-Niederlage vor viereinhalb Jahren an gleicher Stätte wie am Mittwochabend. Und dann das.

Wenn es denn stimmte, dass der italienische Fußball praktisch schon am Abgrund stand, so hat er zwei, drei gewaltige Schritte zurück getan. Die neue Mannschaft Prandellis hat selbst das Dortmunder Publikum beeindruckt, das momentan einzuschätzen weiß, wie guter Fußball geht und aussieht. Phasenweise spielten sie sogar ein bisschen so wie die Deutschen bei der WM 2010. „Wir haben gegen eine der besten Mannschaften weltweit gespielt“, sagte Prandelli, deswegen habe er seinen Spielern gesagt, dass sie all ihren Mut zusammennehmen sollen und nur dann eine Chance hätten, wenn sie die Deutschen unter Druck setzen.

Das Team von Kapitän Philipp Lahm war sichtlich überrascht vom frechen Auftritt der Italiener. „Wir wollten eigentlich Druck entfachen, aber das ist uns nicht so gelungen“, sagte der Münchner Verteidiger: „Wir wollten unbedingt gewinnen, aber dann muss man auch zu null spielen gegen die Italiener.“ Nein, dem deutschen Team fehlte es an diesem Abend an Wucht und Vehemenz, an Organisation und Mumm. Vielleicht dachte man auch, dass es für die torkelnden Italiener schon reiche, ein paar Mal mit dem Hintern zu wackeln. Das tat es aber nicht. Im Gegenteil. Am Ende durften sich die Gäste als Sieger fühlen.

„Uns hat heute einiges gefehlt“, sagte Joachim Löw, vor allem „das letzte Risiko, auf ein 2:0 zu gehen.“ Miroslav Klose hatte die deutsche Elf in Führung geschossen. Bis zur Halbzeit konnten die Deutschen dominieren, in der zweiten Halbzeit aber waren die Gäste überlegen, weil sie nicht nur gedanklich bereiter und schneller waren. „Wir konnten unser Spiel nicht so deutlich und klar über 90 Minuten umsetzen, wie wir das im letzten Jahr schon gezeigt haben“, sagte Löw. Als einen möglichen Grund dafür nannte der Bundestrainer seine Wechsel. In Götze, Hummels und Großkreutz bot er gleich drei Dortmunder Talenten Einsatzzeiten.

Wie sagte hinterher Bastian Schweinsteiger: „Unsere Bilanz gegen Italien ist nicht gut, aber ich habe großes Vertrauen, dass wir sie bald schlagen werden.“ Vorerst müsse man sich mit weniger zufrieden geben. Wenigstens ist mal wieder ein Tor gegen Italien gelungen. Das letzte wurde vor fast fünf Jahren erzielt. Es war beim 1:4-Desaster im Frühjahr 2006 in Florenz, der Berliner Robert Huth hatte den Ehrentreffer erzielt. Aber so schlecht, wie es um den deutschen Fußball damals stand, wird es den Italienern selbst am Abgrund nicht gehen.

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