Sport : Teutonisches Leitwolfgehabe

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Über den jungen Michael Ballack kursiert das Bonmot, dass er quasi auf der Sonnenliege Nationalspieler geworden ist. 1998 war das, die Nationalmannschaft hatte bei der WM in Frankreich ihre Zukunftsunverträglichkeit nachdrücklich unter Beweis gestellt, und das Volk lechzte regelrecht nach unverbrauchten Gesichtern, nach diesem Mittelfeldspieler aus Kaiserslautern zum Beispiel. In diesem Sommer hat sich die Geschichte noch einmal wiederholt – nur umgekehrt.

Ballacks Wertverfall hat in den vergangenen Wochen dramatische Ausmaße angenommen: vom einzigen Weltstar, den wir im deutschen Fußball haben, zum Allerweltsspieler, und das alles, ohne dass Ballack ein einziges Mal gegen den Ball getreten hätte. Vor zwei Monaten schien eine erfolgreiche WM ohne ihn noch unmöglich; inzwischen aber ist der Mann, der einmal für die Moderne stand, von der Postmoderne überholt worden.

Das Land jedenfalls hat innerlich schon ein wenig Abschied genommen. Ballack gilt nicht nur als entbehrlich, nein, er gefährdet den Erfolg. Und wie er jetzt sein Kapitänsamt verteidigt hat, das wird seine Gegner nur in ihrer Ansicht bestätigen, dass Ballack nicht kapiert hat, was in Südafrika passiert ist. Er beharrt darauf, eine Mannschaft zu führen, die nicht geführt werden will, verfällt in teutonisches Leitwolfgehabe, beißt alle weg, die seine Macht gefährden – kurz: Er verlangt nach Schwere, wo die Nationalmannschaft doch gerade vor Leichtigkeit schwirrt.

Die Wiedereingliederung Ballacks in die Nationalmannschaft droht sich zum heikelsten Thema des deutschen Fußballs zu entwickeln. Zwei Fragen wird der Bundestrainer für sich beantworten müssen: Wie sinnvoll ist es nach den Erfahrungen der Weltmeisterschaft, das zentrale Mittelfeld einem Spieler zurückzuerstatten, der bei der EM 2012 fast 36 ist? Und wie würde die Mannschaft auf Ballack reagieren, von dem sie sich gerade erst emanzipiert zu haben scheint? Im Moment sieht es ein bisschen so aus, als müsste Michael Ballack vor allem auf eines hoffen, damit er seine alte Macht zurückbekommt: dass Matthias Sammer Bundestrainer wird.

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