Sport : The Little Great One

Sidney Crosby gilt im nordamerikanischen Eishockey als neuer Wayne Gretzky

Sven Goldmann[Riga]

Es ist kurz vor acht in Riga. In einer halben Stunde tritt Kanadas Eishockey-Nationalmannschaft gegen Norwegen an. Die Spieler gleiten vom Eis in Richtung Kabine, aber Sidney Crosby hat noch zu tun. Aus dem Tor holt er sich einen Puck, dreht einen Halbkreis, lässt das Handgelenk nach vorn schnappen und die Scheibe aufs Tor fliegen. Crosby zielt nicht irgendwohin, sondern an die Querlatte. Bis unter die Hallendecke kann man hören, wie träges Hartgummi auf starres Eisen prallt. Viermal in einer Minute läuft Crosby an, dreimal touchiert der Puck die Latte.

Schon beim Aufwärmen zeigt der Kanadier, warum er die große Attraktion ist bei dieser Weltmeisterschaft in Lettland. „Sidney ist ein Perfektionist“, sagt sein Vater Troy. „Und er war schon immer der Beste in seiner Altersklasse.“ Seit einem Jahr spielt Crosby bei den ganz Großen mit. Als 18-Jähriger hat er in seinem ersten Jahr in der National Hockey League (NHL) mehr als 100 Punkte in der Scorerwertung (Tore und Vorlagen) geschafft. Insgesamt 102 waren es in 81 Spielen für die Pittsburgh Penguins. Das ist in seinem Alter noch keinem in der NHL gelungen.

Die Penguins sind eines der schwächeren NHL-Teams und haben sich nicht für die Play-offs qualifiziert. Also hat Crosby seine Saison um zweieinhalb Wochen in Europa verlängert und spielt bei der WM in Riga, die so sehr leidet unter den Absagen vieler Stars, die sich schon im Februar bei den Olympischen Spielen in Turin verdingt haben. „Jedes Spiel im kanadischen Trikot ist eine Ehre für mich“, sagt er brav. Sidney Crosby ist kein großer Redner. Seine Sprache ist das Spiel, und das beherrscht er perfekt. Seine Karriere liest sich wie eine Aneinanderreihung von Einzigartigkeiten. Als Zweijähriger nahm Crosby zum ersten Mal einen Schläger in die Hand und drosch den Puck im Keller so hart gegen den Wäschetrockner, dass der dabei schweren Schaden nahm. Ein Jahr später stand er auf dem Eis, sein erstes Interview gab er mit sieben. Als Zehnjähriger schoss er für seinen Heimatklub Cole Harbour in 55 Spielen 159 Tore. Der Trubel war so groß, dass Crosby für ein Jahr auf ein Internat nach Minnesota flüchtete, wo er die Shattuck-St. Mary’s mit 162 Punkten in 57 Spielen zur Meisterschaft schoss. Als 15-Jähriger unterschrieb er in der Quebec Major Junior Hockey League seinen ersten Vertrag und erzielte 76 Punkte in 33 Spielen.

Schon damals feierte Kanada Crosby als größtes Talent seit Wayne Gretzky, dem besten Eishockeyspieler, den diese Welt je gesehen hat. Als Gretzky gefragt wurde, wer auf absehbare Zeit seine Rekorde brechen könnte, sagte er: „Sidney Crosby kann das schaffen. Er ist wie Dynamit.“ Nach Gretzkys Spitznamen „The Great One“ könnte man den gerade 180 Zentimeter großen Crosby „The Little Great One“ nennen. Die Kanadier aber haben sich schon etwas anderes ausgedacht: „The Next One“, der Nächste.

Kurz vor seinem 18. Geburtstag sicherten sich die Pittsburgh Penguins beim Draft, der alljährlichen NHL-Spielerziehung, die Rechte an Crosby. Die Penguins gehören Mario Lemieux. Auch er wurde mal als neuer Gretzky gehandelt, und in die unwirtliche Stahlstadt im Staat Pennsylvania ist er 1984 nur widerwillig gegangen. Lemieux hätte lieber in Montreal oder New York gespielt und ist dann doch bis zum Ende seiner Karriere vor ein paar Monaten bei den Penguins geblieben. Die Verpflichtung Crosbys ist sein größter Deal, seit er vor sechs Jahren als Besitzer einstieg. Lemieux hat ihn bei seiner Familie untergebracht und fährt ihn jeden Tag zum Training. Crosby sagt, es gebe für ihn keine Privilegien, Lemieux behandele ihn wie jeden anderen. „Aber ich habe es noch nicht erlebt, dass er mir auf eine Frage nicht eine gute Antwort gegeben hat.“ Wahrscheinlich war das allein schon den Wechsel nach Pittsburgh wert. Natürlich profitieren auch die Penguins. Mit Crosby steigerten sie ihren Zuschauerschnitt um knapp 50 Prozent, sogar in Australien wurden Dauerkarten bestellt.

Was ist das Besondere an Sidney Crosby? Sein Stil wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Er gleitet scheinbar schwerfällig über das Eis, den Kopf leicht nach vorn geschoben. Er gleicht einem Raubvogel im Gleitflug. Von einer Sekunde zur anderen nimmt Crosby Tempo auf, beschleunigt mit der Kraft seiner Oberschenkel, deren beeindruckender Muskelwuchs sich auch unter den dicken Eishockeyhosen erahnen lässt. Im Spiel gegen Norwegen lässt er mit einem Antritt drei Gegner stehen, instinktiv fährt er den linken Arm aus und wehrt einen heranfliegenden Stock ab, spielt dann auch noch den Torhüter aus und schiebt die Scheibe ins Tor. All das hat drei, vier Sekunden gedauert.

„Sidney ist der Mann, der den Unterschied macht zwischen einer guten und einer sehr guten Mannschaft“, sagt Michael Barnett, der Manager des kanadischen Teams. „Das erste Spiel hier hat er uns allein gewonnen“, mit zwei Toren beim 5:3-Sieg über die aufmüpfigen Dänen. Doch Crosby ist mehr als nur ein egoistischer Torjäger, wie es Lemieux früher war. Er ist ein Spielmacher mit Radarblick; immer wieder schafft er es aus scheinbar unmöglicher Position, seine Mitspieler in Szene zu setzen. Von seinen 102 Punkten in der NHL entfallen 63 auf Vorlagen. In Riga führt Crosby die Scorerliste mit zwölf Punkten (je sechs Tore und Vorlagen) an. Von seiner Spielkunst und Übersicht profitieren die Nebenleute Patrice Bergeron (elf Punkte) und Brad Boyes (8) – vielleicht schon wieder heute im Viertelfinalspiel gegen die Slowakei.

Es ist in diesen WM-Tagen von Lettland, wie es in der vergangenen NHL-Saison war: Sidney Crosby spielt mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre er schon seit Jahren dazu. Dabei wird er erst in drei Monaten 19.

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