Sport : Theater auf dem Kiez

Intrigen im Vorstand, Trainer entlassen und vor dem Abstieg in die Regionalliga – das Drama um den FC St. Pauli

Raim,Witkop

Hamburg. Die anstehende Premiere würde den ganzen Einsatz des Intendanten erfordern: „Schneemänner dürfen nicht weinen“ heißt das Stück, das ab dem 9. Januar auf dem Programm des „Schmidt“-Theaters steht. Es ist die neue Folge einer schrägen „Kiez-Soap-Opera“. Corny Littmann, Chef des Hauses auf der Reeperbahn, hat allerdings einige hundert Meter weiter ein anderes Stück zu regeln, das mehr Drama als Seifenoper ist: die Suche nach einem Trainer für den Letzten der Zweiten Bundesliga.

An dieser Stelle wird es ernst für Corny Littmann. Die Berufung des Kleinkunst-Unternehmers zum Interims-Präsidenten des FC St. Pauli vor drei Wochen nämlich hatte dem angeschlagenen Image des einst so schillernden Klubs durchaus geholfen, darüber die schier hoffnungslose sportliche Lage aber fast vergessen lassen. Der brave Trainer Joachim Philipkowski war spätestens nicht mehr zu halten, als er nach dem 1:4 gegen Aachen sagte, viele andere Spiele habe die Mannschaft ja nur knapp verloren. Ein Nachfolger ist nicht leicht zu finden. „Etliche Kandidaten kommen wegen unseres Budgets nicht in Betracht“, sagte Littmann nach den ersten Sondierungen. Uwe Rapolder, Stefan Kuntz und der frühere Union-Trainer Georgi Wassilew stehen auf dieser Liste, vielleicht sogar der Sportmanager Franz Gerber.

Dazu allerdings müsste ein vereinsinterner Grabenkampf entschieden werden, der die Führung des Vereins über Monate blockiert hat. Corny Littmann war die überraschende Lösung eines Konflikts, bei dem zwei Fraktionen erbittert um Plätze in Aufsichtsrat und Präsidium rangen. Der im Sommer geholte Manager Gerber und der zuvor fürs Sportliche zuständige Vizepräsident Stephan Beutel stehen jedoch in verschiedenen Lagern und misstrauen sich offen, sind aber gemeinsam mit der Suche beauftragt.

Wer immer sich der ungeschickt ergänzten Überreste einer im Sommer noch respektabel aus der Ersten Liga abgestiegenen Mannschaft annehmen wird, hat einen undankbaren Job. Die Spieler wirken wie weinende Schneemänner, weil alles Bemühen stets in konfusem Aktionismus mündet. Das Syndrom ist aus Fällen wie Ulm und Unterhaching bekannt: wichtige Spieler abgegeben, die falschen geholt, trotzdem überhöhte Ansprüche, dazu eine fortschreitende Verunsicherung. Die Aussage des Kapitäns Holger Stanislawski klingt wie ein Mantra: „Wir müssen einfach weitermachen, irgendwie.“

Auf sein größtes Kapital wird der Verein aber sogar in der Regionalliga zählen können: die zahlreichen, leidensfähigen und zur Selbstironie fähigen Fans. Eine durch den Antritt Corny Littmanns ausgelöste Diskussionswelle im Internet über „political correctness“ beim Thema Fußball und Schwule ist gerade abgeebbt, da taucht ein neues Thema auf: Mitleid mit den Amateuren. St. Paulis Nachwuchs steht einsam an der Spitze der Oberliga und schickt sich an, die Regionalliga Nord aus der anderen Richtung zu beehren, was ihnen ein Abstieg der Profis natürlich verwehren würde. Aber noch ist möglich, was bei den Seifenopern im Hause Littmann garantiert ist: ein Happyend.

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