Sport : Theater der Illusionen

Die Einkaufstour des FC Schalke 04 ist eine Therapie gegen das Stimmungstief

Richard Leipold

Gelsenkirchen. Herbert Grönemeyer hat seine Sympathien auf dem Fußballfeld schon vor langer Zeit besungen. Er hält es mit seiner Heimatstadt Bochum, deren VfL mit seinem Doppelpass angeblich „jeden Gegner nass macht“. Doch Grönemeyers Musik würde zur jüngsten Shoppingtour des Schalker Managers Rudi Assauer passen: „Kaufen macht so viel Spaß.“ In dieser Woche hat Assauer in Bremen eingekauft. Abwehrstratege Mladen Krstajic und Stürmerstar Ailton spielen ab dem Sommer für Schalke. „Ich könnte ständig kaufen gehen“, singt Grönemeyer. Und die Schalker schauen sich weiter um in der bunten Konsumwelt des Fußballs. „Diese beiden Zugänge dürfen nicht alles sein“, sagt Schalkes Cheftrainer Jupp Heynckes. Darüber seien sich „im Verein alle einig“. Vor allem ein Spielmacher fehlt ihnen noch.

Schon ranken sich Spekulationen über einen Wechsel des Bremer Spielgestalters Johan Micoud, der verärgert darauf reagierte, dass Werder Ailton und Krstajic nicht halten konnte. Schalkes Sportdirektor Andreas Müller sagt, er schließe eine Verpflichtung Micouds „zum jetzigen Zeitpunkt“ aus. „Sein Vertrag läuft ja noch ein Jahr.“ Nach Fehlinvestitionen (Agali, Matellan und Mpenza) setzt Schalke vornehmlich auf ablösefreie Spieler. Heynckes hat offenbar andere Kandidaten im Kopf als den Bremer Regisseur. „Micoud ist ein guter Mann“, sagt er. Aber es gebe in Deutschland wie im Ausland „auch andere gute, zudem jüngere Spieler“.

Auf der Rasenbühne weit von den eigenen Ansprüchen entfernt, benötigt das Schalker Fußball-Ensemble dringend neue Darsteller, die für Visionen stehen. „Wir wollen eine Mannschaft zusammenstellen, die höheren Ansprüchen genügt“, sagt Heynckes. „So schaffen wir bei unseren Fans wieder Illusionen.“ Zuletzt hatte sich das Management der Illusion hingegeben, ein Trainer von Welt wie Heynckes genüge, um aus einer Mannschaft von gehobenem Durchschnitt ein Spitzenteam zu machen. Nun aber gab der Manager einen Richtungswechsel bekannt. „Wir müssen wieder mehr in Beine investieren.“

Diese Erkenntnis hat Assauer dazu gebracht, zwei der begehrtesten Bremer Spieler anzuwerben, selbst auf die Gefahr hin, dass die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die Art seines Vorgehens mit einer Vertragsstrafe von bis zu 250 000 Euro ahnden könnte. Die DFL hat angekündigt, Ermittlungen anzustellen, falls die Bremer Belastungsmaterial gegen Assauer vorlegten. Der Manager hatte es zumindest bei Ailton offenbar unterlassen, Werder zu informieren, bevor er dem Spieler ein Angebot unterbreitete. Nach den DFL-Statuten muss ein Verein den anderen über Vertragsverhandlungen in Kenntnis setzen, wenn es konkret um Dotierung und Laufzeit geht.

Assauer sieht einem Verfahren gelassen entgegen: „In einem offiziellen Streitfall müsste ich die Wahrheit sagen, und die wäre für einige in Bremen schlecht.“ Den Bremern wirft Assauer vor, geschlafen zu haben. „Die Berater wandten sich an uns, weil Werder die Spieler immer wieder vertröstet hatte. Bei Ailton sind nach meinem Wissen sechs Gesprächsrunden ergebnislos verlaufen“, sagte er der „Bild am Sonntag“. In Gelsenkirchen jedenfalls ist der jüngste Coup ein PR-Erfolg für Assauer. Mit dem Doppeltransfer lenkt er von der aktuellen Tristesse ab. Seine Botschaft: Schalke ist auch in wirtschaftlich schwieriger Zeit in der Lage, profilierte Spieler zu holen. Kaufen macht so viel Spaß.

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