Sport : Theater um ein Stadion

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Von Anke Schönfelder

Leipzig. „Ein Turnfest ohne Stadion ist wie ein Theaterstück ohne Bühne“, sagt der Berliner Turnfest-Teilnehmer Felix Hagen und blickt dabei auf den Rohbau des Leipziger Zentralstadions. Am 28. Januar 2000 legten Bundeskanzler Schröder, der damalige DFB-Präsident Braun und Leipzigs Oberbürgermeister Tiefensee den Grundstein für den Stadionumbau. Der Bund hatte allen Grund mitzuschippen, schließlich übernimmt er zwei Drittel der 93 Millionen Euro Baukosten. Die Stadt muss 13 Millionen zuschießen, der Rest wird privat finanziert.

Ein Jahr nach dem ersten Spatenstich wurden die ersten Pfähle für die künftigen Tribünen gesetzt. Wegen Differenzen zwischen Geldgeber Michael Kölmel und dem Architektenbüro Wirth & Wirth kam es zu Verzögerungen. Kölmel – nicht nur Bauherr, sondern auch Film- und Sportrechtehändler – hatte sich zuvor die Vermarktungsrechte am VfB Leipzig gesichert und insofern besonderes Interesse am Stadionprojekt. Das war zu einer Zeit, als seine Firma Sportwelt noch Geld hatte. Mittlerweile ist sie insolvent.

Die Pläne sahen vor, bis zur Gala des Turnfestes das Dach zu installieren. Dieses Ziel wurde nicht erreicht: Nun sitzen die 45 000 Zuschauer im Regen. Bis vor einer Woche war sogar unklar, ob die Turnfreunde bei der Gala nicht auch noch stehen müssen. Am letzten Freitag um zwölf Uhr hatten die Arbeiter der insolventen Holzmann AG ihre Arbeit eingestellt. Grund sind ausstehende Zahlungen in Höhe von 1,4 Millionen durch Kölmel. Seine Baugesellschaft EMKA dementiert allerdings den Zahlungsrückstand. Ein heimisches Unternehmen übernahm die Restarbeiten und übergab am Montag das Stadion an die Stadt. Kleiner Trost für die Holzmann-Arbeiter: Sie dürfen mit ihren Freikarten zur Gala. Diesem Schlussakt heute Abend wird auch Bundeskanzler Schröder beiwohnen. Morgen findet die zweite Gala-Aufführung statt, bevor der Vorhang fällt und der Stadionumbau fortgesetzt wird. Im kommenden Jahr sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, und Leipzig wird einer der Spielorte für die Fußball-WM 2006.

Bis dahin können sich die Leipziger über die bewegende Geschichte des Zentralstadions in einer Ausstellung informieren. Im Gebäude der ehemaligen „Bezirksverwaltung für Staatssicherheit“, jetzt Museum der „Runden Ecke“, finden sich so markante Zeitdokumente wie die Eröffnung des aus den Trümmern der Stadt aufgebauten Stadions 1953 durch Walter Ulbricht. Er hatte die Arena „Stadion der Hunderttausend“ genannt. Der Staatsratsvorsitzende der DDR nutzte das größte deutsche Stadion während der Turn- und Sportfeste auch zur Massenagitation.

In Zukunft wird das Stadion dem Sport vorbehalten sein – aber nur mit 45 000 statt 100 000 Sitzen. Die waren ohnehin seit dem Europapokal-Halbfinale zwischen Lok Leipzig und Girondins Bordeaux 1987 nicht mehr vollzählig besetzt. Genau genommen begann schon damals die Theaterpause.

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