Sport : Theoretisch und praktisch gut

Mit diesen Losen könnte die deutsche Nationalmannschaft an erfolgreiche WM-Starts anknüpfen

Stefan Hermanns[Leipzig],Michael Rosentritt

Unmittelbar nach der praktischen Klärung der Dinge begann in Leipzig das große Theoretisieren, und schon schnell ließen sich zwei gegensätzliche Denkschulen erkennen. Die erste wird vor allem durch die Praktiker Franz Beckenbauer (Weltmeister 1974 und 1990) und Lothar Matthäus (Weltmeister 1990) vertreten, während für die zweite der Funktionär Gerhard Mayer-Vorfelder das Wort ergriff. „Ich habe immer gesagt: Es ist gut, wenn man nicht gleich die stärksten Gegner hat“, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Im Gegensatz dazu hatten Beckenbauer und Matthäus die Meinung vertreten, dass eine starke WM-Vorrundengruppe für die deutsche Nationalmannschaft von Vorteil sei, weil das Team dann gleich auf Betriebstemperatur komme. Ihr Wunsch wurde nicht erfüllt. Bei aller Unvereinbarkeit der beiden Theorien – eines steht außer Frage: Allzu schwere Gegner haben die Deutschen nicht erwischt, oder, wie Mayer-Vorfelder es ausdrückte: „Das ist nicht die wildeste Gruppe.“

Nach dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica (9. Juni, 18 Uhr, in München) trifft die Mannschaft von Jürgen Klinsmann in Dortmund auf Polen (14. Juni, 21 Uhr) und zum Abschluss der Vorrunde in Berlin auf Ekuador (20. Juni, 16 Uhr). „Wenn man uns die Favoritenrolle zuteilt, dann ist das okay“, sagte der Bundestrainer. Trotzdem folgte Klinsmann den internationalen Gepflogenheiten: über den Gegner nichts, wenn nicht Gutes, zu sagen. Ekuador? Habe eine beeindruckende Qualifikation gespielt und zu Hause fast alle geschlagen. Die WM aber findet nicht in Quito statt. Costa Rica? Eine sehr emotionale Mannschaft, sehr spielstark, „und technisch sind die alle gut“. Schließlich Polen? Beeindruckend in der Qualifikation (siehe Ekuador). Zumindest galt das gegen Österreich, Aserbaidschan, Nordirland und Wales. Die beiden Spiele gegen England hat Polen verloren. „Wir müssen da weiterkommen“, sagte Klinsmann.

Wenn die Deutschen nach der Auslosung ein Problem haben, dann ist es dieser hohe Anspruch. „Jetzt besteht die Gefahr, dass jeder erwartet, dass wir alle schlagen“, sagte Mayer-Vorfelder. Gerade im Eröffnungsspiel in München wird die deutsche Mannschaft die hohen Erwartungen des Publikums zu spüren bekommen – gegen ein Team, das mit einem 0:0 vermutlich mehr als zufrieden wäre. „Wir müssen lernen, damit umzugehen, dass sich unsere Gegner sehr defensiv gegen uns einstellen werden“, sagte Klinsmann. Seit seinem Amtsantritt im August 2004 hat er nie etwas anderes behauptet, doch durch die Auslosung hat Klinsmanns Idee vom offensiven Fußball als Gegenmodell nun ihre endgültige Rechtfertigung erhalten.

Schon gestern legte Klinsmann mit seinem Mitarbeiterstab in der DFB-Zentrale fest, wie, wann und wo die Gegner beobachtet werden sollen. Costa Rica will der in Los Angeles lebende Bundestrainer selbst „ein bisschen näher unter die Lupe nehmen. Das ist ja nicht so weit.“ Zudem muss noch die Frage geklärt werden, wer am 2. Juni in Mönchengladbach letzter Testgegner vor der WM ist. Weil es eine Mannschaft sein soll, die ähnlich spielt wie die Gruppengegner, sind Uruguay, Kolumbien und Chile im Gespräch.

„Eröffnungsspiele können oft peinlich sein und überraschend“, warnte Franz Beckenbauer, der ehemalige Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. 1990 verlor Titelverteidiger Argentinien zum Auftakt gegen Kamerun, 2002 in Südkorea unterlag Frankreich dem WM-Debütanten Senegal 0:1. Auch die Deutschen haben mit ihrem ersten WM-Spiel schon schlechte Erfahrungen gemacht: 1982 verloren sie gegen den Außenseiter Algerien 1:2, schummelten sich trotzdem noch in die Zwischenrunde und erreichten am Ende sogar das Finale.

Bekannter sind jedoch die Erfolge zum Auftakt, vor allem das 4:1 gegen Jugoslawien bei der WM 1990 in Italien und vor dreieinhalb Jahren das 8:0 gegen Saudi- Arabien in Japan. Vor 15 Jahren erwischte die Mannschaft von Franz Beckenbauer gegen den Geheimfavoriten Jugoslawien die Welle, die sie bis zum Achtelfinale durch das Turnier trug und anschließend noch so weit schwappte, dass die Deutschen Weltmeister wurden, obwohl sie in den letzten drei Begegnungen kein einziges Tor mehr aus dem Spiel heraus erzielten.

Das 8:0 gegen Saudi-Arabien gilt den Vertretern der anderen Denkschule als Beleg dafür, dass ein leichter Gegner zum Beginn der ideale Einstieg in ein solches Turnier sei. Dieser hohe Sieg hatte für das weitere Fortkommen der Deutschen jedoch weit weniger Bedeutung, als ihm im Nachhinein angedichtet wurde. Nach dem zweiten Spiel – einem 1:1 gegen Irland – war von der schönen Anfangseuphorie nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen wurden die Deutschen vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen Kamerun von schweren Zweifeln geplagt. Die Qualifikation fürs Achtelfinale war noch einmal in Gefahr geraten, und erst die Begegnung gegen Kamerun, den vermeintlich stärksten Konkurrenten in der Gruppe, brachte die Wende. Deutschland spielte eine Halbzeit lang in Unterzahl, gewann 2:0 und war erst danach endgültig von der eigenen Stärke überzeugt.

Ab dem Achtelfinale reanimierten die Deutschen damals den Mythos von der Turniermannschaft. „Wenn das bedeutet, dass man sich von Spiel zu Spiel steigert, ist diese Gruppe der richtige Einstieg dafür“, sagte DFB-Präsident Mayer-Vorfelder. Allerdings kann die deutsche Mannschaft im eigenen Land nach der Vorrunde nicht mit so leichten Gegnern rechnen wie vor vier Jahren in Asien (Paraguay, USA, Südkorea und erst im Finale Brasilien). Auf den Weltmeister könnte Klinsmanns Mannschaft zwar wieder erst im Endspiel treffen – das Gleiche gilt für Italien, Tschechien und Frankreich –, dafür sind England und Schweden bereits im Achtelfinale mögliche Gegner, im Viertelfinale Argentinien, die Niederlande, Mexiko und Portugal. „Spekulieren wollen wir nicht“, sagte Jürgen Klinsmann. „Das überlassen wir anderen.“ Was hiermit geschehen wäre.

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