Sport : Therapie in Milanello

Was der AC Mailand vor dem heutigen Rückspiel aus dem 2:3 in Manchester gelernt hat

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Auf der feudalen Sportanlage Milanello, die übersetzt Klein-Mailand heißt, sind die letzten Minuten vom vergangenen Dienstag noch nicht vorüber. Immer wieder diskutierten die Spieler des AC Mailand über jene Schlussphase, in der das erste Halbfinalspiel der Champions League bei Manchester United mit 2:3 verloren ging. Trainer Carlo Ancelotti hat sogar eine neue Taktik entwickelt, um im heutigen Rückspiel (20.45 Uhr, live bei Premiere) eine Wiederholung zu vermeiden: den Slow-Fußball.

„Wir werden keine Eile haben“, sagte Trainer Carlo Ancelotti, „wir haben Zeit – sowohl um ein Tor zu schießen, als auch um zu gewinnen!“ Das Hinspiel hatte seine Mannschaft in Old Trafford nach einer 2:1-Führung in der zweiten Halbzeit noch aus der Hand gegeben und durch einen Treffer in der Nachspielzeit verloren. „Im Hinspiel haben wir sie eine Stunde lang beherrscht“, sagt Massimo Oddo, „und Cristiano Ronaldo macht uns auch keine Angst.“

Es wirkt allerdings ein bisschen so, als müsse sich der Abwehrspieler vom AC Mailand Mut zureden. Im Hinspiel hatte der 22 Jahre alte Angreifer von Manchester United, der zurzeit wohl beste Spieler der Welt, immer wieder zu einigen unnachahmlichen Tempodribblings angesetzt. Allerdings hatte Milan im Old-Trafford-Stadion, wo zuvor der AS Rom mit 1:7 abserviert worden war, eine Stunde lang überraschend dominiert. Dann aber überließen die Mailänder Spieler plötzlich Cristiano Ronaldo und seinen Kollegen das Feld. Dazu patzten gestandene Profis wie Marek Jankulowski und der brasilianische Nationaltorwart Dida, wodurch schließlich Wayne Rooney in der Nachspielzeit noch den 3:2-Siegtreffer für Manchester United erzielen konnte.

Ancelotti hat seine Lehren aus dem Hinspiel gezogen. Der 47-Jährige setzt heute auf Erfahrung statt auf Jugend. Auf seinen Kapitän Paolo Maldini muss er allerdings verzichten. Der 38-Jährige fehlt wegen der Knieverletzung, die er sich im Hinspiel in der vergangenen Woche in Manchester zugezogen hat. „Er wird aber im Trainingslager bleiben, obwohl er uns nicht zur Verfügung steht“, sagte Ancelotti gestern Abend. „In Spielen wie diesen zählt nicht nur die physische Verfassung, sondern auch die Persönlichkeit“, sagt der Trainer. Unentbehrlich sei deshalb auch Filippo Inzaghi. Er müsse lediglich so spielen, wie er es gewohnt sei, so Ancelotti. Der Einsatz des quirligen 33-jährigen Stürmers ist auch ein kleines Dankeschön für seine Leistung im Viertelfinale gegen den FC Bayern. Ergänzt werden die Oldies indes vom jungen brasilianischen Superstar Kaka. Der 24-Jährige befindet sich derzeit in einer blendenden Verfassung.

Vom Einzug ins Finale hängt auch Ancelottis Vertragsverlängerung ab. Sein Kontrakt läuft zwar noch bis Sommer 2008. Mit einem Sieg in der Champions League würde er sich sicherlich automatisch um ein weiteres Jahr verlängern. Mailand befindet sich gegenwärtig in einem heiklen Umbruch. Statt zu klotzen und die Konkurrenz zu dominieren, musste die Milan-Führung zuletzt sparen. Die große Finanzkraft ist dem Klub des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi abhanden gekommen. Umsatzmäßig rangiert der Klub inzwischen klar hinter Manchester United.

Dort gibt man sich für heute optimistisch. „Wir müssen das Spiel ständig in ihre Spielhälfte verlagern“, fordert Manchesters Trainer Alex Ferguson. Sein Team ginge zwar nicht als Favorit ins Spiel, hätte aber eine große Chance, das Endspiel in Athen zu erreichen. Ähnlich sieht es Mittelfeldspieler Paul Scholes. „Durch das Siegtor, das wir in Manchester kurz vor Schluss erzielt haben, haben wir sicher einen kleinen Vorteil“, sagte er. Dieser Treffer habe nämlich demoralisierend auf die Milan-Mannschaft gewirkt.

Scholes wie auch Cristiano Ronaldo, Gabriel Heinze und Ryan Giggs sind übrigens mit Gelben Karten vorbelastet. Sie müssen daher im ausverkauften Meazza-Stadion zu Mailand vorsichtig agieren. Ansonsten riskieren sie, im Finale am 23. Mai zuschauen zu müssen. Wenn der AC Mailand sie überhaupt soweit kommen lässt.

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