Thomas Brussig : Ein gutes Finale lebt vom Drama

Wieso vergessen wir manche Endspiele, während andere für immer im Gedächtnis bleiben? Hier erklärt der Schriftsteller Thomas Brussig, was den Schlussakkord eines Turniers unsterblich macht. Und warum Zinedine Zidanes Kopfstoß 2006 seine Karriere nicht zerstörte, sondern krönte

Brussig
Wir wollen Drama sehen. Brussig freut sich auf einen offenen Ausgang.Foto: Schroewig

Ein gelungener Schluss ist eigentlich ganz leicht; jedenfalls leichter als ein gelungener Anfang. Ob beim Schreiben von Büchern oder in der Dramaturgie von Theaterstücken – ein Schluss ergibt sich meist aus der Vorgeschichte. Beim Fußball ist das anders. Da muss man sich einen guten Schluss erkämpfen. Und dann will es der Zufall doch ganz anders.

Ein Finale ist dann gut, wenn es hängenbleibt. Nach dem letzten Satz eines Buches klappt man es idealerweise zu, man hebt den Blick und sieht die Welt anders als vorher. Die letzte Szene eines Kinofilms ist besonders wichtig, der Schlussakkord bei einem Konzert hallt nach. Ohne ein gutes Finale bleibt beim Zuschauer wenig haften.

Beim Fußball zählt natürlich in erster Linie, wie ein Spiel ausgegangen ist. Ergebnisse bleiben hängen in den Statistiken – und große Momente im Kopf.

Eine tragische Geschichte, die man sich noch Jahre später erzählt, wertet ein gutes Finale erst richtig auf. Bei der Weltmeisterschaft 2002 war es die Geschichte von Oliver Kahn, der das ganze Turnier lang überragt hatte und von all seinen Kameraden die Leistung ihres Lebens im Finale verlangt hatte – und ausgerechnet er machte dann den Fehler seines Lebens. Diese Szene beschäftigt uns noch heute, denn jeder kennt dieses Gefühl doch auch: gut zu sein, aber im entscheidenden Moment zu versagen. Und auf einmal steht alles in Frage. Fußball wird dann dramatisch, wenn er menschlich ist und so unvorhersehbar wie das Leben selbst, gerade in einem Finale.

John Irving hat einmal gesagt: „Ich fange erst an zu arbeiten, wenn ich den letzten Satz weiß.“ Er ist eben ein Schriftsteller, kein Sportler.

Das Tolle am Fußball ist, dass der Schluss immer offen, das Drama zunächst nicht erkennbar ist. Nehmen wir die Hand Gottes von Diego Maradona; sie wird immer mit ihm verbunden bleiben. Oder den großartigen Abgang von Zinedine Zidane im WM-Finale 2006. Die letzte Aktion einer Fußballikone – ein Kopfstoß, eine Rote Karte, ein vermeintlicher Skandal! So hat er sich unvergesslich gemacht. Kennt noch jemand die letzte Aktion von Franz Beckenbauer, oder die von Pelé? Nein. Sie werden noch irgendeinen Zweikampf gewonnen haben, irgendeinen Ball ins Aus geschlagen haben. Ein Skandal war Zidanes Kopfstoß dann gar nicht. Nein, es blieb etwas anderes. Es war dieser unvergleichliche Abtritt mit einem Drama, der Zidanes Karriere veredelt hat. Ein guter Schluss im Fußball ist eben nicht vorhersehbar, er passiert, stellt sich erst heraus.

Die deutsche Mannschaft hatte eigentlich keinen guten Schluss für ihr Sommermärchen – sportlich gesehen. Nach dem Aus gegen Italien im Halbfinale war das Turnier eigentlich vorbei. In diesem Moment aber passierte etwas Überraschendes: Man hat einen neuen Schluss erfunden. Die Verabschiedung auf der Fanmeile in Berlin vor fast einer Million Menschen war ein anderer

Schlusspunkt – ein gesellschaftlicher. Das hat ihn so besonders gemacht, dass er an diesem Montag noch einmal wiederholt werden soll.

Was bleibt von einem guten Finale? Das Ergebnis, klar, die Tore, der Pokal, der in die Höhe gereckt wird. Aber all das reicht noch nicht, um einem sportlichen Schluss zu verewigen. Es sind vielmehr die Erzählungen, die bleiben. Immer wieder haben die Menschen von Zidanes Kopfstoß gesprochen (außer diejenigen, die im Olympiastadion saßen, denn die haben ihn gar nicht gesehen), jeder hat sich an seine eigene Version dieses Finales erinnert und sie weitergegeben. So wird ein Drama zur epischen Tat.

Wenn ich mir als Schriftsteller einen solchen Schluss ausgedacht hätte, hätte man mir den um die Ohren gehauen. Denn die Kunst ist etwas Gemachtes, sie lebt von Vorsätzen – auch von dem Vorsatz, überraschend zu sein. Ein Drehbuch wird lange diskutiert, jede Wendung wird vorher in Frage gestellt. Manchmal verwerfe ich sogar den Schluss, weil er mir zu unwahrscheinlich vorkommt oder nicht mehr zur Vorgeschichte passt. Dieses Entstehen von Kunst erlebt der Zuschauer nicht mit, er sieht nur das Ergebnis.

Im Fußball wird nichts verworfen, das Spiel entwickelt sich vor unseren Augen. Erst als Abfolge vieler kleiner Situationen entsteht etwas Großes. Ein finaler, ein entscheidender Moment muss deshalb nicht unbedingt zur Vorgeschichte passen, im Gegenteil, er kann alles Vorherige sogar ungeschehen machen. Wenn Lukas Podolski im EM-Finale das entscheidende Tor für Deutschland schießt oder durch eine andere Aktion zum Helden im ganzen Land wird, kann es sich der FC Bayern nicht mehr leisten, ihn in der kommenden Saison auf der Bank versauern lassen. Ein Moment kann im Fußball alles ändern, er hallt nach.

Ich bin mir sicher, dass in diesem EM-Finale wieder etwas Besonderes passiert. Vielleicht ja ein Eigentor, mit dem keiner rechnet. Vielleicht ja von Michael Ballack, der noch um seinen Einsatz bangt und endlich einen großen Titel gewinnen will. Ich wünsche es mir natürlich nicht. Dramaturgisch aber wäre ein solches Finale nicht zu überbieten. Davon würden wir noch lange reden.

Thomas Brussig ist vielfach ausgezeichneter Schriftsteller („Helden wie wir“) und Drehbuchautor („Sonnenallee“). Aufgezeichnet von Robert Ide.


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