Thomas Brussig über Hertha : "Der Klassenerhalt hätte literarische Qualitäten"

Autor Thomas Brussig über das Drama Hertha BSC und warum er als Fan mit seinen Gefühlen im Reinen ist.

Brussig
Thomas Brussig -Foto: ddp

Herr Brussig, wie würden Sie als Drehbuchautor das Drama beschreiben, das gerade mit Hertha BSC in Berlin gespielt wird?



Rein sportlich hat die Mannschaft alles im Griff, aber mit den höheren Mächten kommt sie nicht klar. Was in dieser Saison mit Hertha geschieht, ist für viele Menschen ein Lebensdrama: Man scheitert, obwohl man nichts falsch macht. Das heißt, es gibt nicht einmal Fehler, aus denen man etwas lernen könnte.

Liest sich diese Geschichte wie ein Drehbuch, das niemand schreiben kann?

Genau. Bei der Entstehung eines Films oder auch eines Romans wird ständig probiert und verworfen, und irgendwann hat man ein fertiges Endprodukt. Auf dem Platz wird auch ständig probiert und verworfen, aber das passiert vor aller Augen. Würde man sich diese Geschichten ausdenken, dann würde man dafür geschmäht werden: Das geht doch nicht! Genau diese Portion Wahnsinn lieben wir am Fußball: Das Unverhoffte, Unausdenkbare kann ständig eintreten. Es ist doch undenkbar, dass ein Weltfußballer in seinem letzten Länderspiel, einem WM-Finale, in dem er das einzige Tor für seine Mannschaft schoss, vom Platz fliegt, weil er ein völlig idiotisches Foul am Torschützen der Gegenmannschaft begeht. Wenn sich ein Autor so etwas ausdenken würde, dann würden alle sagen: ,Das kommt nie im Leben vor.’ So ist das: Es kommt nicht im Leben vor, aber auf dem Fußballplatz.

Was wäre das Besondere an Herthas Rettung?

Wenn Hertha es schaffen sollte, die Klasse zu halten, hätte diese Saison literarische Qualitäten. Nick Hornby hat in „Fever Pitch“ über eine Saison geschrieben, in der Arsenal noch unglaublich Meister geworden ist. Man stelle sich vor, Hertha entrinnt dem Abstieg, indem es am letzten Tag den Bayern die Meisterschaft versaut – das wäre die Krönung einer Saison, an die sich die Fans immer erinnern würden.

Woran würden sie zurückdenken?

An die nicht gegebenen Tore, an die kuriose Heimniederlage gegen den HSV, an das Genickbruch-Spiel in Mainz, wo ja alles anfing. Aber Hertha würde im Falle eines Nichtabstiegs Bundesliga-Geschichte schreiben, weil der alle Statistiken über den Haufen werfen würde. Dass es noch nie eine Mannschaft, die zur Winterpause sechs Punkte hatte, geschafft hat, den Abstieg abzuwenden. Hertha knackt ja schon jetzt Rekorde: Noch nie hat ein Tabellenletzter einen so hohen Auswärtssieg gelandet wie Hertha in Wolfsburg.

Glauben Sie noch an dieses Wunder?

Rational betrachtet, ist der Klassenerhalt ein Unding. Als Hertha-Fan weiß ich zudem, wie oft mich die Mannschaft enttäuscht hat. Denken wir nur an die letzte Saison: Zwei Spieltage vorm Ende war die Meisterschaft noch greifbar – und dann holt Hertha einen von sechs Punkten. Aber mit dem Wahnsinn, der dem Fußball innewohnt, muss man sagen: Die Messe ist noch nicht gelesen. Ich traue der Hertha ein Wunder zu. Das Team kämpft, und die Fans halten zu ihrer Mannschaft wie man es bei kaum einer Bundesligamannschaft in vergleichbarer Situation erlebte.

Warum sind Sie eigentlich Hertha-Fan?

Ich weiß es nicht. Mit der Fanwerdung ist es wie mit der sexuellen Orientierung: Das kommt über einen, und dann muss man ein Leben lang damit leben. Als Hertha-Fan hatte ich immer Schwierigkeiten, mich zur Mannschaft zu bekennen, weil die meist einen unansehnlichen Fußball gespielt hat. Und ausgerechnet dieses Jahr bin ich mit meinen Gefühlen gegenüber der Hertha völlig im Reinen. Sie spielt teilweise begeisternden Fußball. Aber Fußball ist nun mal so, dass nicht unbedingt der Bessere gewinnt. Nur in dieser Ballung wie bei Hertha habe ich das noch nie erlebt. Hertha hat einfach die Seuche.

Wenn Sie nun die Geschichte zu Ende schreiben dürften, wie würde sie ausgehen?

Es ist nur dann eine Geschichte, wenn Hertha nicht absteigt. Sonst wäre es nur bitter und grausam. Wenn es einen Fußballgott gibt, wird Hertha nicht absteigen.

Das Gespräch führte Anke Myrrhe.

Thomas Brussig, 45, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Seine Bücher „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ und „Helden wie wir“ wurden erfolgreich fürs Kino verfilmt.

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